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50 Jahre Komische Oper Berlin
Marek Kalina im
Gespräch mit
Radio 3 - Belcanto Berlin
Kalina: Heute mit Marek Kalina am Mikrofon und mit einem Nachschlag zu unserer 4-teiligen Sendereihe über die Geschichte der Komischen Oper Berlin, die 1997 ihr 50. Jubiläum feierte. Ein Nachschlag in Form eines Gesprächs mit der Gesangspädagogin Marianne Fischer-Kupfer und mit Jochen Kowalski, dem Star des Hauses an der Behrenstrasse.
Kowalski: Ich kann ja das Wort „Star“ überhaupt gar nicht leiden! Ich finde, Deutschland hat überhaupt keine Stars bis auf Marlene Dietrich hervorgebracht – DAS ist für mich ein Star. Alles andere ist schon so mehr der Normalfall. Nee, also das Wort „Star“ lass ich für mich nicht gelten, will ich auch nicht. Ich möchte bloß ein guter Sänger sein, das reicht. Wenn man das ist, ist das schon okay.
TI TANTI PALPITI (aus der Oper „Tancredi“ von Gioacchino Rossini)
Kalina: Jochen Kowalski als Tancredi. Als Sänger ist er seit Jahren unverwechselbar mit der Komischen Oper Berlin verbunden, ein Kind des Hauses. Ohne die Komische Oper würde es den Altus Jochen Kowalski wahrscheinlich auch gar nicht geben.
Kowalski: Na, das kann ich ganz spontan sagen: So wie er jetzt ist, sicher nicht. Ich habe wirklich noch das ganz große Glück gehabt, hier 1981... Man glaubt es ja kaum, wenn ich jetzt zurückdenke – wo sind denn die Jahre geblieben? 1981, als Student im Chor hab ich hier angefangen, in „Meistersinger“ als Lehrbube. Dann hab ich mit Frau Kupfer gearbeitet, ihr vorgesungen. Sie hat mit mir den Fachwechsel vom Tenor zum Countertenor oder Altist oder Kontra-Altist oder wie man´s auch immer nennen will, vorgenommen. Dann hab ich hier 1983 meine erste Solorolle, den Fjodor in „Boris“, gesungen und dann kam 1984 „Giustino“, 1985 das erste Auslands...- damals - Auslandsgastspiel, „Belsazar“ in Hamburg. Na, und dann ging´s immer so weiter.
Kalina: Und irgendwann wurde er weltberühmt. Aber eigentlich wollte er Tenor werden. Er war es auch in seinen Anfängen und er ist es immer noch, tief in seiner Seele.
Kowalski: Ja. Kann man so sagen. Das hat sich bis heute noch nicht so richtig gelegt, deswegen die Sehnsucht, Tenor-Lieder zu singen. Immer noch bei mir... Meine große Liebe sind eben die Tenöre der 20er, 30er, 40er Jahre. Ich sag jetzt mal ein paar Adressen: Helge Rosvaenge, Marcel Wittrisch, Max Lorenz, Lauritz Melchior, Iwan Koslowski, Sergei Lemeshev... Das sind so meine Idole. Da könnte ich jetzt noch weiter aufzählen: Richard Tauber sowieso, an allererster Stelle. Das geht bis zu Fritz Wunderlich. Und wenn ich zu Hause bin, zwischen meinen Gastspielen und meinen Reisen, von denen ich mir immer aus Trödelläden oder Schallplattenläden so Schätze mitbringe... Wenn ich dann zu Hause bin, ist das so meine Welt. Dann geh ich in mein Zimmer, schließ mich ein, leg mir die Aufnahmen auf, überspiele die schön auf CD, dass die mir nicht kaputt gehen – das sind meistens 78er Platten natürlich – guck mir dazu die passenden Bilder an von den Herrschaften und dann bin ich in so einer Traumwelt und ich fühle mich da so glücklich und tauche dann mal so zwei, drei, vier, fünf Stunden ab. Wenn ich nach Hamburg oder nach Dresden fahre, da habe ich dann Zeit für mich im Auto, dann wird das natürlich ganz laut angestellt, die CD über Boxen im Auto. Dann ballere ich mich da so... da bin ich dann so richtig schön in guter Stimmung, wenn ich in Dresden oder in Hamburg ankomme.
ICH HAB KEIN GELD, BIN VOGELFREI (aus „Der Bettelstudent, von Karl Millöcker, gesungen von Jussi Björling)
Kowalski: Ich kannte die Namen damals nicht. Da stand, zum Beispiel: Joseph Schmidt, Tenor, Richard Tauber, Tenor und so. Und ich kannte mit vierzehn... ich wusste wirklich nichts. Das hat mich aber so fasziniert und mit dieser Musik bin ich praktisch groß geworden. Andere sind mit Bach groß geworden, mit alter Musik, oder was auch immer. Ich bin mit diesen Opernquerschnitten, was es damals auf 78er Platten alles gab, damit bin ich groß geworden und das hat sich mir so eingeprägt... Ich hab mir jetzt mal einen Wunsch erfüllt: Von meinen Lieblingsplatten, von diesen Operettenliedern, gesungen von den größten Sängern Deutschland damals, habe ich mir die schönsten ausgesucht, die mir am besten gefallen und hab da eine CD gemacht. Ist auch zum ersten Mal, dass jemand mit solcher Stimme so was aufnimmt. Also, Joseph Schmidt singt z.B., was ja ganz ungewöhnlich ist für Tenor, „Du sollst der Kaiser meiner Seele sein“. Man denkt, das ist ein Frauenlied aus der Operette „Favorit“ von Robert Stolz. Das hab ich auch nachgesungen. Dann hab ich was ganz seltenes: Richard Tauber singt das „Vilja-Lied“. Singt ja eigentlich sonst auch die Hanna Glawari und das singt eben Tauber auf der Platte. Das hab ich auch nachgesungen mit dem Tauber-Schluss, den er macht, und, und, und...
VILJA LIED (aus „Die lustige Witwe“ von Franz Lehár)
Kowalski: Jetzt werden mich viele für verrückt erklären: Mehr als Maria Callas, zum Beispiel. Wenn ich die Wahl hätte, noch mal ein Konzert zu hören, ich würde zu Lotte Lehmann gehen... würde ich vorziehen. Bei Lotti Lehmann ist immer alles noch gefasst, also für mich. Das kann ich noch nachvollziehen. Bei Maria Callas, das kann gefährlich werden für eine Stimme. Und das haben ja viele... es gibt ja einige Beispiele, die sie versucht haben gnadenlos zu kopieren und die sind ja daran gescheitert. Meine Lehrerin, Frau Kupfer, hat nach dem Krieg bei Frau Lemnitz studieren dürfen. Also sie fuhr von Dresden immer nach Berlin und hat mit Frau Lemnitz studiert. Vielleicht bin ich so was wie ein – wie nennt man das? – ein „Enkelschüler“. Das wäre schon ganz toll! Einiges mach ich ähnlich wie die Lemnitz. Ich will mich, um Gottes Willen, nicht auf eine Stufe stellen weil sie ist für mich eine Göttin des Gesangs! Aber so einiges, glaub ich, habe ich schon durch Frau Kupfer von ihr gelernt: Dieses kopfige Singen, auch Piano singen können, sodass es „piano“ klingt, das kann ich doch bei einigen Sachen gut einsetzen. Das hat mir Frau Kupfer vermittelt: Dieses immer entspannte, von oben kommende... diese wahnsinnigen Piano- und Kopftöne, selbst in solchen Sachen wie Operetten. Sie hat ja... Künneke hat für die Lemnitz und für Helge Rosvaenge diese Wahnsinnsoperette geschrieben „Die große Sünderin“. Da war an der Berliner Staatsoper, wenn ich mich nicht irre, 1935 die Premiere und da gibt´s ´ne seltene Aufnahme, da singen Rosvenge und Lemnitz zusammen dieses Operettenlied „Immerzu schlägt mein Herz deinem Herzen zu“ und das lieb ich so! Da kann man sehen, dass Operette, SO besetzt doch wirklich seine Daseinsberechtigung hat. Und jetzt hören wir das Duett.
IMMERZU SCHLÄGT MEIN HERZ DEINEM HERZEN ZU (aus „Die große Sünderin“ von Eduard Künneke)
Kalina: Tiana Lemnitz und Helge Rosvaenge in Eduard Künnekes „Die große Sünderin“. Der Lemnitz-Klang ist das gesangliche Ideal, nicht nur für Jochen Kowalski, sondern auch für seine Lehrerin Marianne Fischer-Kupfer, gewissermaßen die Chef-Gesangspädagogin in der Komischen Oper.
Fischer-Kupfer: Also mich hat 1975 Felsenstein hier her haben wollen, weil ich in einem Kurs, den er hielt, auf die Bühne sprang, weil ich eine Sängerin, die er als Objekt hatte, nicht ertrug, wo sie sang. Und dann hat der Felsenstein bei mir anfragen lassen, ob ich zu ihm kommen will und hier arbeiten möchte. Und insofern kann ich doch sagen, war das sein Ideal, weil ich ihm erklärte: Sie können sich an ihr tot machen, sie KLINGT nicht! Und sie klang auch nicht. Sie machte Laut, aber sie sang nicht. Er hat sich gemüht und gemüht und gemüht und es ging nicht. Und hier ist im Grunde genommen eigentlich das Gleiche: Wenn mein Mann mit einer Sängerin nicht zurechtkommt, dann bittet er mich, mal auf die Probe zu kommen und zu hören und zu sehen. Denn ich unterrichte hier ja nicht wie ein Lehrer in der Schule, ich mach ja was ganz anderes: Ich versuche ja hier zu helfen, damit die angestrengte Sängerschar von dem, was sie auf der Bühne tun müssen, es nicht als Anstrengung empfindet.
Kalina: Aber wie verträgt sich das mit den Anforderungen des Regietheaters á la Komische Oper, wo die Darstellung Vorrang hat und die Freiräume zum entspannten Musizieren manchmal sehr eng bemessen sind?
Fischer-Kupfer: Ich hab ein ganz böses Wort, ich sage zu den Sängern: Es gibt keinen schlechten Kapellmeister, es gibt keinen schlechten Regisseur, es gibt nur schlechte Sänger. Die in der Beherrschung ihres technischen Vermögens nicht so perfekt sind - gut, ist übertrieben, was ich sage – nicht so perfekt sind, dass sie das nicht könnten. Und wenn ich dann irgendetwas nicht singend ausführen kann, dann muss ich mit dem Regisseur ins Gericht gehen. Dann muss ich mit ihm reden und ihm sagen: Das geht nicht, das kann ich nicht! Können wir´s anders versuchen? Ich glaube, jeder gute Regisseur lässt es zu und wird so lange probieren mit dem Sänger, dass er das findet. Aber der Sänger lässt sich ´s aufoktruieren. Das ist sein Übel. Das hab ICH nicht. Ich hab zehn Jahre lang gesungen, dann lernte ich meinen Mann kennen. Dann hab ich bei ihm „Fiordiligi“ gesungen, aber ich hab mit ihm diskutiert bis zum Grünwerden. Und wir sind uns einig geworden, weil ich mir das was klang, nicht wegnehmen ließ. Und er hat´s mich auch nicht wegnehmen lassen, sondern er entdeckte dann wunderbar... Ich hab, zum Beispiel, in der großen Fiordiligi-Arie ihm den Vorschlag gemacht: Hier renn´ ich die Treppe runter. Das war ´ne große Treppe. Ich stand oben auf einem Balkon, da hab ich von ihm einem Groschen gekriegt, weil er gesagt hat: „Mein Gott, mir schlägt ein Sänger vor, auf der Koloratur eine Treppe runter zu rennen...“ - Na, ich war doch viel besser drauf, wenn ich unten ankam, wenn ich die Treppe runter ging! Und das sind eben die Dinge, wo der Sänger sich drum bemühen muss. Der Kupfer kann im Grunde genommen mehr als sie, der weiß auch sehr viel. Wir sind nicht umsonst 38 Jahre lang verheiratet. Auch die Lemnitz war sein Ideal. Er hat die Lemnitz in allen Partien erlebt und er möchte im Grunde genommen... und fordert, dass der Sänger, den er hat, sich mit diesem Klangideal befasst. Mit dem Kowalski haben wir´s ja erreicht, da ist es uns ja gemeinsam gelungen. Denn er hat ja den Kowalski eigentlich genauso geformt wie ich, indem er an ihn die Forderungen von „Giustino“ und „Orpheus“ und „Cäsar“ gestellt hat. Ich muss nur dafür sorgen, dass der das immer parat hat.
OR LA TROMBA IN SUON FESTANTE (aus „Rinaldo“ von G. F. Händel)
Kowalski: Dirigenten, wie Klemperer, die haben ja versucht, mit ihm zusammen zu arbeiten. Es ging irgendwie dann nicht mehr, weil bei ihm war zuerst die Szene und dann die Musik. Obwohl er´s, glaub ich, gar nicht wollte und ich meine, viele große Sänger haben hier nach dem Krieg gesungen: Die Grümmer hat hier gesungen, die Trötschel hat hier gesungen, Rudolf Schock, Anny Schlemm... die ist ja, Gott sei Dank, immer noch da. Und die hatten dann nach einer gewissen Zeit die Schnauze voll, weil es für viele leichter war, Geld zu verdienen und leichter, Karriere zu machen auf der hergebrachten... Also, ICH möchte lieber so arbeiten wie hier! Da verzichte ich auf einiges... musste ich auch schon, aber ich hab´ s bis jetzt nicht bereut. Ich liebe das Haus so sehr, fast schon zu sehr und ich könnte mir auch gar nicht vorstellen, dass ich hier mal - na ja, aus Altersgründen vielleicht - weggehe. Aber, dass ich das Haus im Stich lasse... Ich hab ja hier eine Leitfigur, das ist Harry Kupfer, nach wie vor. Wie gesagt, wir arbeiten seit 1981 zusammen und das ist so... ich bin so geprägt von Kupfer, dass es natürlich manchmal, wenn ich eine Inszenierung woanders mache, ob das in Wien oder New York oder weiß ich wo ist, schwierig ist für mich. Weil ich gewöhnt bin zu fragen, weil ich gewöhnt bin zu sagen: Warum mach ich das? Wieso... und, und, und... Und ich bin sehr oft von Regisseuren allein gelassen, werde allein gelassen, weil die nicht so konsequent und so genau arbeiten. Für mich, genau. Für andere ist das vielleicht okay, aber ich bin es nun anders gewohnt: So analytisch arbeiten wie Kupfer und das ist... das bleibt auch so. Das ist eigentlich traumhaft, so wie ich´s hier habe! Kann mich nicht beklagen. Klar, ich muss auf viele Sachen manchmal verzichten, da geht das Haus eben vor, weil ich in erster Linie hier engagiert bin, aber das ist vollkommen okay. Wer kann schon von sich sagen, er hat heute noch ein festes Engagement und das sollte man wirklich nicht leichtfertig aufs Spiel setzen.
Kalina: Das Ensemble - in der Opernlandschaft inzwischen ein Fremdwort. Die Komische Oper war lange Zeit eine Ausnahme, ein Musterbeispiel für eine kontinuierliche Ensemble-Arbeit.
Kowalski: Das ist es leider nicht mehr. Das sag ich jetzt ganz hart: So wie´ s mal war - es ist nicht mehr so. Ich komme in die Kantine, ich kenne kaum noch Sänger, die hier singen. Das sind alles für mich fremde Leute. Ein Ensemble ist noch, wenn wir „Fledermaus“ haben, wenn wir „Orpheus“ haben. Also meine Stücke sind meistens immer noch mit Dagmar Schellenberger, oder jetzt mit Gabriele Fontana... Das ist noch ein Ensemble, da sind noch die sogenannten „Alten“ drin. Es gibt ja nirgends mehr Ensembles – leider! Wir waren ja noch so die Letzten und die Reste sind ja noch irgendwie da, aber... Was mir neulich gesagt wurde – ich wusste das gar nicht – dass wir jetzt 150 (!) Gastsänger hier haben. Und so kann man natürlich keinen Spielplan machen. Das sagt mir ja der gesunde Menschenverstand und deswegen auch diese wahnsinnigen Spielplanänderungen. Im Monat manchmal acht, neun Mal. Ich meine, da verärgert man ja das Publikum und das geht einfach nicht, das kann man den Leuten nicht vorsetzen! Aber wenn ich für alle Stücke Gäste holen muss von überall her, bleibt das nicht aus. Die MET ist ja genauso. Da gibt´ s ja auch kein Ensemble, da wird aber für alles eine doppelte Besetzung gemacht und somit ist die Vorstellung am Abend immer abgesichert, wie auch immer. Wir sind schon eine „MET“ auf unsere Weise: Die MET des Regietheaters vielleicht, oder des modernen Musiktheaters, denn so was kann man ja in New York überhaupt nicht. Also unser „Orpheus“, ich glaube, das würden die da nicht mitmachen, das würde gar nicht bis zur Generalprobe kommen. Wir haben ja damit gastiert, aber in „Brooklyn Academy of Music“ und das war natürlich ein Sensationserfolg, aber für die MET wäre das nichts. Also, ich lieb das ja: Ensemble. Und ich finde, nur mit Ensemble kann man eigentlich heute noch Opern machen. Es ist schwer, weil die Sänger wollen gastieren, wollen Geld verdienen... Keiner will sich mehr fest binden an ein Haus, die Zeiten sind anders. Ob die glücklich sind? – Ich weiß es nicht... Ich hab´s manchmal satt, dieses Umherrasen. Ich mach´ s jetzt eigentlich auch nicht mehr. Nur noch, wenn eine Neuproduktion kommt, die mich interessiert und dann eigentlich nur für Konzerte. Da ist es okay, wenn man Liederabende da und da und da... Aber hier abends ankommen, nächsten Abend irgendwo was singen und übernächsten Abend wieder weg... Nee! Und wenn ich dann hier zurückkomme und die sagen: „Mensch, is det toll, dass du wieder da bist“ und „Du warst so lange nicht da...“ das ist ein tolles Gefühl! „...wir brauchen dich so“ und überhaupt... das ist eigentlich das schönste Kompliment.
DAS LIED DER TRENNUNG (von W.A. Mozart)
Kowalski: Die Berliner sind special! Ich hab das so erlebt bei Großveranstaltungen, wie ich das so gerne nenne. Ich hatte mal so ein Riesending in der Max-Schmeling-Halle mit achttausend Zuschauern, oder hier am Gendarmenmarkt. Wenn die dann rufen, wenn ich rauskomme „Ey Jochen!“ und so - das gibt’s eben wirklich nur in Berlin! Die Berliner lassen sich nicht blenden und die sind so... die merken genau... Es gab mal einen berühmten Sänger oder Schauspieler, der sagte: „Ich habe jahrelang in der Provinz gespielt...“ – ich weiß nicht ob das Frankfurt/Oder war oder was weiß ich – „...und da war das Publikum ganz toll!“ Da wurde ihm einfach gesagt: „Dann hätten sie sich das Publikum von Frankfurt/Oder mitbringen müssen!“ Manche haben es ganz schwer, sich in Berlin durchzusetzen. Ich hatte wirklich von Anfang an Glück. So war es auch in Wien, so war es in Hamburg, so war´s in London. In Paris war´s nicht so. Da mochten die mich gar nicht, da hatte ich die ersten Buh-Rufe meines Lebens und seitdem hab ich mir geschworen, sing ich nie wieder in Paris. Hab ich auch gehalten. Buhrufen ist sowieso eine schreckliche Angewohnheit! Ich zucke immer zusammen, wenn Kollegen von mir auf der Bühne stehen und dann kommen die zum Schlussapplaus und dann wird Buh gerufen. Also, ich finde das so unfair! Aber für manche ist es ja ein Sport. Die müssen wirklich davon ausgehen, dass, wenn wir abends auf die Bühne gehen, wirklich unser Bestes geben wollen. Dem Werk, dem Publikum und auch vor uns selbst. Wir leiden am meisten da drunter, wenn was nicht so ist, denn wir hören´s ja.
DEH PLACATEVI CON ME (aus „Orfeo ed Euridice“ von Ch. W. Gluck)
Kowalski: „Giustino“ war toll, „Sommernachtstraum“ ist toll, „Tancredi“ war wunderbar, „Mitridate“ war toll... Jetzt träume ich eigentlich von dieser modernen Partie, von diesem „Echnaton“ von Phil Glass. Weil ich mich damit so beschäftigt habe und das liegt mir so wunderbar. Ich hab´s natürlich schon heimlich mal studiert und mitgesungen. Und jetzt muss ich mal sehen, vielleicht machen wir das hier. Die Komische Oper war immer eine Insel. In der DDR-Zeit eine Insel, eine Insel der Seligen und wenn man in diesem Haus war, war man eigentlich nicht mehr in der DDR zu Ostzeiten. Ich sag das jetzt so... so war´s wirklich. Bei Felsenstein war es noch extremer, das hat nachher nachgelassen und das ist jetzt ein bisschen weg. Wir haben, Gott sei Dank - ich muss das wirklich dreimal unterstreichen - immer noch Harry Kupfer. Ich weiß nicht, was passieren wird, wenn der eines Tages weg ist. Also ich möchte mich an diesen Gedanken gar nicht gewöhnen! Er ist jetzt über sechzig und irgendwann, denke ich, der hat ja auch mal die Schnauze voll. Das ist ganz normal und keiner kann´s ihm verdenken. Also, ich möchte jetzt im Moment nicht dran denken! Ich könnte mir vorstellen, hier irgendwas zu machen, später, nach meiner Gesangskarriere. Wenn ich dann wirklich nicht mehr will und auch selbst merke, es ist jetzt nicht mehr so, wie es sein soll. Ich möchte gerne hier im Haus weiterarbeiten und die Tradition und die Fahnenstange hoch halten. Ich, der Intendant? – Ich hab ja gar keine Ellenbogen! Aber man muss gute Berater haben und die würde ich mir schon suchen. Ich bin der hundertprozentigen Meinung, dass Berlin die drei Opernhäuser braucht. Wir haben tolle Orchester, man muss bloß ´ne Strategie haben und ich finde, die sind konzeptionslos da oben. Sie sind konzeptionslos, sie denken auch immer noch in Ost und West – das ist jetzt nun nicht mehr so. Und jetzt hat man die drei Häuser. In Berlin gab´s schon mal eine Situation: Da waren vier Häuser, oder noch mehr mit den Privatopernhäusern. Das gab´s ja auch mal... Da muss man jetzt ein Konzept machen. Da müssen sich die Herrschaften alle an einen Tisch setzen und es muss mal gesagt werden: Ihr macht das, das, das... Ich finde es wirklich sinnlos... sie sagen immer alle: Es ist ja wunderbar, wenn an drei Opernhäusern „Die Zauberflöte“ läuft. Das finde ich nun grade nicht. Und dann noch eine in der Waldbühne – also, das wäre dann der Gipfel! - Das braucht man nicht. Jedes Haus müsste wirklich sein Profil doch deutlicher herausarbeiten, bin ich der Meinung. Wir spielen auch manche Sachen, die wir nicht spielen sollten. Ich finde, die große italienische Oper sollten wir sein lassen. Kein Lortzing – leider! Das wäre eine Aufgabe für die Komische Oper. Die große, ganz große klassische Operette müsste hier kommen, mehr Offenbach, mehr Johann Strauß... „Zigeunerbaron“ gehört hierher. Auch ein Lehár. Wir hatten ja zu DDR-Zeiten diese sensationelle „Lustige Witwe“ von Harry Kupfer, die ja seiner Zeit so voraus war und die jetzt eigentlich genau richtig wäre. Ich liebe ja dieses Stück! Das Stück kann nichts dafür, dass es die Lieblingsoperette von Adolf Hitler war, genauso wie „Tiefland“ seine Lieblingsoper. Dann dürfte man auch keinen Wagner spielen. Ich bin auch nicht der Meinung, dass beide Häuser nun alle großen Wagner-Opern spielen sollten. Man könnte das schön aufteilen. Wenn wir nun sparen müssen, dann müssen wir uns wirklich mal beschränken. Dann muss man sagen: Ihr spielt das, wir spielen „Tannhäuser“, ihr spielt „Tristan“ und, und, und... Das reicht wirklich, denn so kann man sparen. Es müssen nicht beide Häuser den „Ring“ spielen – das kostet ein Vermögen! Früher waren das alles Repertoire-Vorstellungen. Heute ist ja die Schwierigkeit, dass es auf der ganzen Welt immer nur noch die gleichen Sänger sind. Da sieht man schon, der Verfall ist so vorangeschritten. Man sitzt ja dann klappernd drin: Halten die jetzt auch durch bis zum Schluss? Ist ja so. Nicht in allen Fächern, aber in einigen. Na ja... Wir müssten ja viel mehr doch auch Moderne spielen, bin ich der Meinung. Wir müssten uns mit Außenseitern befassen. Zemlinsky gehört hierher, Max von Schillings gehört hierher. Ich hab jetzt zu Kupfer gesagt: Hier muss mal „Mona Lisa“ gemacht werden, das war in Berlin ewig nicht. Hier müssen Sachen gespielt werden, die nur so gespielt werden können, wie´s nicht anders geht und wo Leute aus der ganzen Welt herkommen um das zu sehen. So wie es zu Felsensteins Zeiten war...
SAH EIN KNAB EIN RÖSLEIN STEHN (aus „Friederike“ von Franz Lehár)
Kowalski: Ich hab an dem Abend grade „Orpheus“ gesungen – da muss ich immer dran denken. Das war schon ein tolles Gefühl und wir hatten so viel Hoffnung und dachten, jetzt geht´s erst richtig los! Dass sich die Leute jetzt so zerfleischen gegenseitig, das macht mich betroffen. Ich stehe zu meiner Zeit „davor“, ich habe das nicht abgehakt, ich stehe dazu. Die DDR war ja die beste Schule überhaupt, ich brauchte mich nicht zu verstellen. Natürlich, ich musste als Sänger damals, als junger aufstrebender „Vorzeigesänger“ dann auch manchmal bei diesen Staats- und Partei-Galavorstellungen und Veranstaltungen singen. Okay. Das ist in einer Diktatur so. Wer sich da drüber heute das Maul zerreißt, der weiß nicht, wie das ist, wenn man in einer Diktatur lebt. Der soll mal schön still sein! Das war nun mal so und ich hatte nicht den Mut zu sagen: „Nee, ich singe für euch nicht.“ - Sag ich ganz ehrlich. Ich bin ja kein Held. Ich spiele gerne Helden auf der Bühne aber im Leben bin ich, glaub ich, gar keiner. Es war für mich schon ein ganz großer Einschnitt, als der von mir sehr verehrte, väterliche, gute Freund und Intendant, Werner Rackwitz, wegging. Das hat mich sehr betroffen gemacht, ich hätte ihn gerne noch ein paar Jahre hier gesehen. Er hat gekämpft wie ein Löwe nach der Wende, dass das Haus erhalten bleibt. Es ist ihm auch gelungen. Ich frag ihn jetzt oftmals noch um Rat, sag ich ganz ehrlich, bin mit ihm noch in Kontakt. Er hat mich hier engagiert, hat mir einen wunderbaren Vertrag gegeben... Aber ich denke, mit Albert Kost haben wir Glück. Ich kannte ja den Westen, ich bin ja schon seit 1985... durch Gastspiele durfte ich raus und hab dem Staat sehr viel Geld, Westgeld damals, eingebracht. Das musste ich ja zum größten Teil abgeben in der ersten Zeit, nachher wurde es ein bisschen anders. Ich war ja noch so blöde... wollte noch im November, Dezember 89... sollte ich da noch Geld abgeben. Na, det hab ich aber sein lassen! Die tollste Zeit war dann nach der Maueröffnung, als zum ersten Mal ungehindert, ohne Schikanen, sag ich jetzt mal, die damaligen Westberliner herkommen durften. Also, das war... die haben gejubelt, als die in „Giustino“ waren... Viele haben´s ja zum ersten Mal gesehen. Das war für mich... die haben uns auf Händen getragen. Das war eigentlich die schönste Zeit! Wir wussten alle, das hält nicht an, das ist ja ganz klar. Das ist wie in einer Beziehung: Das ist so der erste Rausch und das hält nur ein paar Jahre - es hat nicht mal ein paar Jahre gehalten – und dann lässt es wieder nach. Man sollte aber nicht die Flinte gleich ins Korn werfen, wenn Schwierigkeiten auftreten. Ich finde, man muss reden, reden, reden ... und einer muss versuchen den anderen zu verstehen. Und das ist sicher jetzt in der Situation auch so, auch unter den drei Opernhäusern. Dass es nicht mehr so ist wie früher... Sicher, ein bisschen Nostalgie ist auch dabei, aber es müsste doch einiges anders laufen...
DU SOLLST DER KAISER MEINER SEELE SEIN (aus „Der Favorit“ von Robert Stolz)
Kalina: Sie hörten den bekannten Sänger zuvor in Szenen und Arien aus „Tancredi“ von Gioacchino Rossini, „Rinaldo“ von Georg Friedrich Händel, „Orpheus und Eurydike“ von Christoph Willibald Gluck, „Die lustige Witwe“ und „Friederike“ von Franz Lehár und mit dem „Lied der Trennung“ von Wolfgang Amadeus Mozart. In historischen Aufnahmen erklangen die Stimmen von Jussi Björling, Helge Rosvaenge und Tiana Lemnitz.
Das war „Becanto Berlin“, ein Nachschlag zum Thema „50 Jahre Komische Oper“ mit Marianne Fischer-Kupfer und Jochen Kowalski. Am Mikrofon verabschiedet sich Marek Kalina. |
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