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Im Künstlerzimmer
Jochen Kowalski im Gespräch mit Volkmar Parschalk vor der Premiere von Claudio Monteverdis „Die Krönung der Poppea“ bei den Salzburger Festspielen 1993
P: Erste Premiere bei den Salzburger Festspielen am 24. Juli im großen Festspielhaus, „Die Krönung der Poppea“ von Claudio Monteverdi. Jochen Kowalski singt den Ottone und Jochen Kowalski ist heute Gast in unserer Sendung. Herr Kowalski, Ihre erste Begegnung mit Monteverdi?
K: Meine allererste. Ich hab als Student nur einmal das berühmte „Lasciatemi morire“ gesungen, aber das ist, wie gesagt, zwölf Jahre her und ich hatte eigentlich Scheu vor Monteverdi, weil... es erschien mir zu weit entfernt. Bach, Mozart, Händel, okay, Gluck... aber bei Monteverdi dachte ich: Nein, ich kann damit nichts anfangen. Und dann kam das Angebot zunächst in Düsseldorf das zu singen, dann, die Kölner Oper wollte das mit Hampe, und ich hab immer gesagt - ich muss sagen, ich war feige - ich hab gesagt: Nein, ich kann´s nicht! Und dann kam das Angebot von Jürgen Flimm und natürlich Nikolaus Harnoncourt und da hab ich gesagt, ich kann´s nicht absagen. Also Harnoncourt hat es geschafft, dass ich die Musik liebe.
P: Herr Kowalski, eine ein bisschen zwiespältige Rolle, der Ottone. Eigentlich ein Intrigant, ein potentieller Mörder, ein Mann, der zwischen drei Frauen pendelt...
K: Nee, eigentlich überhaupt nicht! Stellen Sie sich vor, Sie sind im Krieg, kommen nach Hause, freuen sich auf die geliebte Frau zu Hause und die liegt mit dem Kaiser im Bett! - Für ihn bricht eine Welt zusammen und deswegen... Ich meine, Liebe und Hass liegen so eng beieinander und deswegen ist diese Figur... Ich finde sie sehr interessant und das deutlich zu machen... Er ist kein Intrigant... auch nicht... er wird praktisch zum Werkzeug. Alle merken, er ist plötzlich schwach, Ottavia schnappt ihn und sagt: „Wenn du mir die Poppea umbringst und dadurch Nerone wieder mein Gatte wird, kann ich dir helfen. Wenn Du es nicht tust, werde ich jetzt ganz laut erzählen, dass du mich vergewaltigt hast, und zwar noch heute...“ Er kommt praktisch von einer schlimmen Situation in die andere und er will natürlich nur seine Haut retten, wie jeder Mensch. Also, er reagiert eigentlich sehr, sehr menschlich und das versuch ich da darzustellen.
P: Gerard Mortier sagt immer wieder, dass diese Oper eine politische Oper sei.
K: Hochaktuell!
P: Warum?
K: Ich meine, wir lesen diese Sachen jeden Tag in der BILD-Zeitung , in der Kronenzeitung oder im Kurier. Es ist eine Oper um die Macht. Wer die Macht hat, hat das Recht und er kann sich die Welt untertan machen und alles andere platt machen. Es ist ganz spannend, es ist ganz, ganz heutig. Man staunt, wie wenig sich eigentlich in den 300 Jahren verändert hat, seit Monteverdis Zeiten. Eigentlich gar nichts. (lacht)
P: Versucht der Regisseur Jürgen Flimm und versuchen die Ausstatter Marianna und Rolf Glittenberg dieses Heutige ein bisschen hinein zu bringen?
K: Nicht vordergründig, was sehr, sehr angenehm ist. Also wir spielen jetzt hier nicht das Stück im Jahre 1993, sondern es ist schon in der Entstehungszeit, aber mit Zitaten.
P: Mit Harnoncourt haben Sie schon mehrmals zusammen gearbeitet
K: Ja, es ist nun meine dritte Arbeit. Ich habe mit ihm als erstes „Theodora“ gemacht in Wien, „Samson“, die Oratorien von Händel und jetzt eben diesen Monteverdi und das ist wunderbar.
P: Haben Sie die Ponnelle-Inszenierung gesehen?
K: Ich habe mir das Video natürlich gekauft, weil ich mal wissen wollte, was auf mich zukommt und ich find´s grandios! Heute muss man´s sicher anders machen. Das war zu seiner Zeit... ich weiß nicht, ich glaube es ist zwanzig Jahre alt, also Anfang der 70er-Jahre... und man muss es heute natürlich anders machen und Flimm macht´s auch anders. Und er hat natürlich tolle Partner in der Glittenbergs und natürlich in Harnoncourt, der so szenisch denkt, wie ich das noch von keinem Dirigenten erlebt habe, in meiner Laufbahn.
P: Zwingt das Große Festspielhaus Harnoncourt zu einer anderen musikalischen Auffassung als damals, in der legendären Züricher Aufführung?
K: Das Haus erschien mir zu Anfang zu groß für „Poppea“ und dann kamen die ersten Orchester-Bühnenproben, jetzt die letzten Tage, und da dachte ich: Das ist wunderbar! Er hat sicher andere Instrumente und vieles variiert zur Züricher Aufführung, aber das Angenehme, das Schöne bei Harnoncourt ist, wir dürfen nicht forcieren, wir sollen nicht laut singen, nicht schreien oder irgend so was, sondern man soll locker und relaxed und entspannt musizieren und singen und das kommt rüber.
P: Und das sind alte Instrumente?
K: Alte Instrumente - der Concentus Musicus spielt. Ja.
P: Und viele...
K: Sehr viele, aber es klingt wunderbar! Er muss ja eine Brücke schlagen von Monteverdi zu unserer Zeit und da hat er wirklich diese tollen instrumentalen Farben gefunden. Es sind sehr viele Blasinstrumente... es klingt so was von aufregend und ich krieg jedes mal Gänsehaut. Manche Stücke kannte ich eben nur von Cembalo und dachte: O Gott, wie langweilig! Und dann hört man zum ersten Mal die Streicher dazu, die Blasinstrumente, es ist... Ich bin manchmal fassungslos! Und das macht so einen Spaß, wie ich das noch nie erlebt habe. Es ist ja mein Debüt in Salzburg und ich hab oft schlaflose Nächte, weil ich denke, wie wird der 24. Juli ausgehen. Werden sie dich ausbuhen oder werden sie... na ja. Das sind so meine Ängste, aber mit Harnoncourt da unten ist es schon schön. Man guckt auf seine Augen und dann überträgt sich das...
P: Herr Kowalski, Sie sind nach wie vor an der Komischen Oper engagiert?
K: Ja.
P: ...und Sie haben ja besonders viel mit Harry Kupfer zusammen gearbeitet. Er ist sozusagen IHR Regisseur.
K: Er ist mein Regisseur, ja. (lacht)
P: Sie haben den „Giustino“ mit ihm gemacht und den „Orpheus“ vor allem. Das sind die denkwürdigsten Dinge, an die ich denke. Was haben Sie noch?
K: Naja, das letzte war eben dieser große Erfolg mit „Julius Cäsar“ von Händel. Da war bei den Schwetzinger Festspielen die Premiere und vierzehn Tage später in Berlin und die Leute stehen Schlange nach Karten. Wir könnten das eigentlich jeden Tag spielen, bloß ich kann´s nicht jeden Tag singen, weil ich eigentlich nur noch 15 Abende an dem Haus bin und in der restlichen Zeit durch die Welt fahre. Aber ich bleibe da, weil ich finde, ein Künstler muss ein Nest haben, zu Hause. Und ich hab das große Glück mit einem der besten Regisseure der Welt zusammen zu arbeiten. Warum sollte ich da weg gehen? Also, es ist mein Zuhause, die Komische Oper, und bleibt es auch. Wenn man uns nicht schließt, wie das Schillertheater, was ich schrecklich finde!
P: Ja, es sind die Berliner Zustände im Augenblick doch ein bisschen schwierig für Künstler.
K: Na, ich meine, das Geld fehlt, das wissen wir alle und wir müssen sparen, das wissen wir auch alle. Aber auf der einen Seite wird so viel rausgeschmissen für Sachen, wo wir uns an den Kopf fassen. Man kann nicht ein Staatstheater schließen! Ich meine, wenn man in Berlin schon anfängt und das Schillertheater schließt, dann geht´s mit Altenburg, mit Eisenach, mit Erfurt weiter, oder Ulm oder Flensburg. Und ich finde, wenn´s erst mal so losgeht, das ist das Ende aller Kultur.
P: Als ich Sie das letzte Mal gesehen habe, Herr Kowalski, da war noch die Berliner Mauer...
K: 1987. War das 87?
P: Ja, ich glaube, wo Sie in Wien waren...
K: ...mit dem „Orpheus“
P: Herr Kowalski, damals haben Sie sich schon kritisch über die DDR geäußert. Ich glaube, Sie müssen jetzt dann doch ganz froh geworden sein, dass sich die Zustände geändert haben.
K: Ja. Im Grunde genommen, ja. Ich meine, dass da jetzt Sachen passieren, die wir alle nicht erwartet haben, dass sich – ich sag´s mal vorsichtig – manche westdeutsche Mitbürger teilweise aufführen wie... Eroberer und alles bei uns platt walzen wollen, was möglich ist, das macht mich eigentlich betroffen. Ich meine, es gibt nicht mehr die alte Bundesrepublik und es gibt nicht mehr die alte DDR, aber scheinbar haben das manche Bundesrepublikaner nicht begriffen, dass es die alte BRD nicht mehr gibt, dass es jetzt ein neues Deutschland gibt und dass man irgendwie Wege finden muss, friedlich und ohne Hass und ohne Kampf zusammen zu leben. Es klingt ganz komisch und für die Österreicher unverständlich, aber die Ostler sind lieber unter sich und die Westler auch lieber unter sich. Es ist ganz komisch: Die Mauer in den Köpfen ist noch ganz streng da. Ich versuche mit meinem Beruf darüber hinweg zu kommen oder zu helfen, dass die Leute zueinander finden, ja, mit dem bisschen, was ich machen kann. Es ist schwer... Also, wir müssen in Deutschland jetzt wirklich aufpassen, dass da nicht eine neue Mauer entsteht, die höher ist als die alte aus Stein.
P: Und die ganzen Stasi-Geschichten, die man immer
wieder hört, dass also verschiedenen Schriftstellern, vor allem,
vorgeworfen wird, für die Stasi gearbeitet zu haben... Was sagen Sie dazu?
Ist es unangenehm für Sie alle, für alle Künstler, die dort gelebt haben? In der Diktatur zu leben ist was anderes, als in der Demokratie. Ich hatte, zum Beispiel, nie die Möglichkeit, als es die DDR noch gab, wenn da zum Beispiel ein Staatsakt war... 7.Oktober... musste ich da singen. Genauso wie Herr Schreier, Herr Adam oder Herr Güttler. Also wie vier waren immer da. Wir hatten... keiner von denen hatte die Möglichkeit zu sagen, nein, sonst wäre irgendwas Blödes passiert. Ich musste sogar noch 1989 beim letzten Staatsakt, 4 Wochen vorm Mauerabbau... keiner wusste, dass das ja nach dem 9.November aus ist. Das war der 7. Oktober und da musste ich noch singen, Herr Adam sang „Meistersinger“, Peter Schreier sang „Der Odem der Liebe“, Güttler spielte... Wenn wir uns da einig gewesen wären und gesagt hätten, okay, wir machen das jetzt nicht mehr, dann wären wir jetzt die Helden. Aber wir haben´s nicht gemacht, weil... vielleicht ist es auch ein bisschen Feigheit gewesen... Es war schwer! Wirklich! Ich weiß nicht, ob Sie das jetzt verstehen, aus unserer Situation heraus. Es war so ein bisschen die Situation von Gründgens... Das ist immer ganz leicht zu urteilen aus ´ner anderen Position. Und das meine ich jetzt damit, mit den Schriftstellern und so. Natürlich sind da viele Sachen... Hermann Kant, zum Beispiel, das verurteile ich unheimlich! Aber was man Christa Wolf zum Beispiel vorwirft, das finde ich nicht okay. Ich bin ja gespannt, ich kann ja jetzt irgendwann im Herbst meine Akte einsehen, ich hab die ja bestellt...dann wissen wir, wer mich zum Beispiel bespitzelt hat. Ich wurde bespitzelt, das Telefon wurde abgehört, sie wussten alles von mir! Sie haben Briefe aufgemacht, sie standen mit dem Auto vor meiner Tür, weil... ich war ja ziemlich jung und konnte in den Westen fahren und da dachten die ja immer...
P: ...wer weiß, mit wem der...?
K: Wer weiß! - Und ich wurde auch in Hamburg überwacht, das hab ich jetzt auch erfahren...
P: Sie sind Countertenor und es gibt vielleicht vier oder fünf berühmte Countertenöre auf der Welt. Wie ist das, fühlt man sich da als eine ganz besondere Spezies Mensch...?
K: Überhaupt nicht!!!
P: ...dass man da etwas kann, was so viele nicht können?
K: Ach wissen Sie, ich möchte lieber so singen können wie Fritz Wunderlich, kann ich dazu nur sagen. Ich bin... manchmal bin ich glücklich, aber meiste Zeit denk ich mir: Was wäre es doch schön, wenn du jetzt den Nero singen könntest oder den Tamino oder den Ferrando singen könntest! Das ist mein Schicksal. Ich hab´s jetzt angenommen, musste mich wohl oder übel damit abfinden, dass es zum Tenor nicht gereicht hat und jetzt versuche ich eben aus diesem Fach das Beste zu machen. Also „Lohengrin“ ist immer noch meine große Vision. Einmal als Lohengrin auf der Bühne der Wiener Staatsoper wäre eigentlich die Erfüllung meines Lebens, aber es wird nicht passieren...
P: Apropos Wien: Wann werden wir Sie wieder in Wien sehen? Sie werden mit der Wiener Staatsoper nach Japan fahren.
K: Ja. Erst mit der Wiener Volksoper, jetzt im November und dann mit der Staatsoper im nächsten Jahr.
P: Und da singen Sie jedes Mal den Orlofsky?
K: Da sing ich jedes Mal den Orlofsky.
P: Ist das jetzt Ihre wichtigste Partie geworden?
K: Nein! Das ist eigentlich nur ein Joke. Vor allem, es macht mir so einen Spaß und die Leute lieben es. Ich hab´s in London auch in Englisch gemacht, mach´s überall jetzt. Es ist ein Ausflug. Also, ich weiß jetzt nicht, welcher Fachkollege das noch singt, ob das ein anderer auch singt, ein Countertenor. Mir ist das eigentlich nicht bekannt. Und es ist so eine tolle Figur und ich wünsche mir, dass ich das noch mal mit Kupfer machen kann – er will´s wahrscheinlich an der Komischen Oper machen. Ich mach auch eine neue Produktion an der Hamburger Staatsoper... Na, mal sehn...
P: Und sonst Pläne?
K: Ach, voll! Jetzt erst mal Salzburg – der Liebe Gott muss uns beistehen! Es sind sieben Vorstellungen von „Poppea“, dann mach ich ein paar Tage Urlaub, dann mach ich ´ne Fernsehsendung – zwölf Teile Operngeschichten – kommt immer Sonntag nachmittags im ARD.
P: Sie als Moderator?
K: Als Moderator. Dann geht´s nach London, da gibt´s wieder „Mitridate“ in Covent Garden, dann fahr ich mit der Volksoper, direkt von London nach Japan, also „Fledermaus“. Dann kommen Schallplattenaufnahmen in London, dann kommen Vorstellungen wieder in Berlin, „Julius Cäsar“, dann wieder Schallplatten in London und dann kommt eine neue Produktion in der Berliner Staatsoper, „Tancredi“ von Rossini und dann gibt´s ´ne Uraufführung in Hamburg... Also, ist voll.
P: Ja.
K: Ja... Is schön!
P: „Tancredi“ haben Sie ja oft gesungen bei Konzerten.
K: Nur die Arie, ja, aber jetzt kommt die ganze Partie. Freu mich schon sehr und ich fahre noch ein bisschen zu Marilyn Horne, die mir da noch hilft. Das hat sie mir jetzt versprochen.
P: Ihre Vorgängerin, sozusagen?
K: Na, mein großes Vorbild und unerreicht wird sie sein, aber es wird zum ersten Mal eben ein Mann den Tancredi singen. Das ist vielleicht doch schon... Ich werde ihn auch vielleicht nicht so virtuos singen können wie sie, aber ich muss das dann mit meinen Mitteln machen.
P: Vielen Dank, Jochen Kowalski! Jochen Kowalski singt den Ottone in „Die Krönung der Poppea“ von Claudio Monteverdi. Premiere bei den Salzburger Festspielen ist am 24. Juli im Großen Festspielhaus.
K: Ich danke Ihnen. - Tschüß! |
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