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Klassikradio: Hauptstadt - Kulturtalk live aus Berlin
Ks. Jochen Kowalski
und der Pianist Shelley Katz
HW: Schönen guten Abend! Es ist kurz nach fünf und ich begrüße Sie herzlich hier vor Ort, live, aus dem prallgefüllten, aus den Nähten platzenden Kulturkaufhaus Dussmann. Und dass es so voll ist, liegt an meinem Gast heute Abend: Herzlich willkommen, Countertenor Jochen Kowalski! (Applaus)
JK: Danke schön! Ich hab gar nicht damit gerechnet, dass schon alle aus dem Urlaub da sind. Es ist ein tolles Bild, Shelley, stimmt´s?
SK: Es stimmt.
HW: Also, wenn man sich das so anguckt, Herr Kowalski ist zumindest aus dem Urlaub zurückgekommen. Gut erholt sieht er aus, braungebrannt ... Wo waren Sie?
JK: An der Ostsee, in Ahlbeck.
HW: Bei DEM Wetter?
JK: Bei dem Wetter. Sie kennen doch den – wie heißt der? – Gieseke im „Weißen Rössl“, der sagt immer: „Mensch, wären wir mal bloß nach Ahlbeck gefahren!“ Das war wirklich gut.
HW: Und da dachten Sie, das muss ich jetzt mal sehen...?
JK: ...das muss ich jetzt mal nachmachen und es war eine sehr gute Idee.
HW: Es hat sich anscheinend gelohnt. Ich möchte heute Abend noch einen zweiten Gast begrüßen, das ist der Klavierbegleiter von Jochen Kowalski, Shelley Katz. Auch Ihnen: Herzlich willkommen! (Applaus)
SK: Danke.
HW: Die beiden arbeiten im Moment an einer neuen CD, wir werden gleich darüber reden. Vorher gibt´s natürlich Musik, natürlich mit Jochen Kowalski.
VA, VA, L´ ERROR MIO PALESA (aus “Mitridate, Re di Ponto” von W.A. Mozart)
HW: “Va, va, l´error mio palesa”, eine Arie aus der eher unbekannten Mozart-Oper “Mitridate, Re di Ponto” mit Jochen Kowalski und dem Kammerorchester Carl Philipp Emanuel Bach. Kammersänger Jochen Kowalski, heute Abend zu Gast...
JK: „Kammersänger“ lass ma weg!
HW: Ja? Ich wollt´ s nur mal netterweise... (Applaus) ...ist ja ein Titel, mit dem man sich auch schmücken kann.
JK: Ja also, das nimmt man mir immer nicht so richtig ab.
HW: Warum nicht?
JK: Auf meiner Visitenkarte, da steht „Kammersänger“ drunter, aber irgendwie erfülle ich nicht so dieses Klischee eines Kammersängers. Es wurde mir grade in Ahlbeck im Hotel an der Rezeption gesagt: „Also, Herr Kowalski, wie een Kammorsängor sähn Sie gor nisch aüs! Wirklisch, Sie benähm´ sisch nisch so, Sie sind gor nisch so!“
HW: Dann hätte Sie sagen müssen: Gut, dann fange ich jetzt an zu singen, dann werden Sie´s mir schon glauben!
JK: Aber nicht im Urlaub!
HW: Herr Kowalski, es gibt ja die Biografie von Christa Ludwig, die heißt „Ich wäre so gerne Primadonna geworden“. Wenn man das fiktiv auf eine Biografie von Ihnen ummünzen würde, könnte die vielleicht lauten, wenn man an Ihre Anfänge denkt: „ Ich hätte eigentlich Heldentenor werden sollen“ ?
JK: Ja. - Da sag ich aus vollem Herzen: Ja.
HW: Sie haben mir mal erzählt, aus dieser Anfangszeit gibt es einen „Lohengrin“ von Ihnen, in einer Tonaufnahme, der für ewig und immer im Safe bleiben wird.
JK: Jaja. - Aber es ist dummerweise auch mal im Fernsehen ein Duett gekommen, „Vivat Bacchus, Bacchus lebe“, da gebe ich den Pedrillo. Als Tenor. Da gibt´ s ´ne Fernsehaufzeichnung davon.
HW: Aber das ist jetzt nicht so heftig, wie sich jetzt Wagner vorzustellen...
JK: ...“Im fernen Land, unnahbar euren Schritten“...
HW: Optisch würde es funktionieren.
JK: Weiß ich nicht. Nachdem ich gehört habe, wie Peter Seiffert in diesem Jahr, also phänomenal gewesen sein muss, würde ich mich da sowieso nicht ran trauen.
HW: Wie kam das dazu? Wurden Sie... Sie haben an der „Hanns Eisler“-Musikhochschule gelernt. Sind Sie da von Anfang an zunächst mal falsch eingeschätzt worden?
JK: Ich glaube, ja.
HW: An wem lag das?
JK: An mir. An mir, ja. Na, ich hab vorgesungen „Winterstürme wichen dem Wonnemond“, Siegmund, und „Atmest Du nicht mit mir die süßen Düfte“, Brautgemachszene...
HW: Heftig!
JK: Ganz heftig. Aber ich dachte, es kann keiner so gut wie ich... Ich hatte noch nicht mal die Noten davon. Ich hatte nur die Platten von Franz Völker und darnach hab ich das zu Hause einstudiert. Dann bin ich da hingegangen zu dieser Aufnahmeprüfung, hab mich da hingestellt ... Tja, und ich hab noch ganz verschwommen hinten an der Wand gesehen, wie die Kommission... wie die zusammenbrach.
HW: Die Kommission brach zusammen, weil es wohl doch nicht so war, wie Sie sich das so vorgestellt hatten.
JK: Ja, die haben mir dann bescheinigt: Unbegabt, keine Stimme... gar nichts... und ich wurde abgelehnt. Und dann dachte ich: Also mit dem Wagner kann´ s nicht so hundertprozentig sein und dann denk ich, jetzt musst du ja mal...
HW: ...Othello...
JK: Othello? Nee! Dann bin ich zu so einer Volksmusikschule gegangen. Die gab´s damals in Berlin Ost. Jeder Stadtbezirk hatte eine Volksmusikschule, wo man für 20 Mark im Monat Gesangsunterricht nehmen konnte. Da hat mich die Lehrerin dann vorbereitet, noch mal für eine Aufnahmeprüfung, mit „Bastian und Bastienne“ von Mozart.
HW: Aber auch noch als Tenor?
JK: Als Tenor. - Ich wusste ja gar nicht, dass es Countertenöre gibt.
HW: Wann kam der Knick ?
JK: Also, wenn ich mich zurück erinnere: Ich hab noch mit vierzehn... es kann sein, sogar mit fünfzehn bei uns zu Hause, Heiligabend, im Weihnachtsmärchen den Josef gesungen, in Alt-Lage. Und ich dachte, das ist vollkommen normal. Ich hatte immer diese Tenorstimme UND diese Mezzo- oder Altstimme oder hohe Stimme und ich dachte, das muss so sein. Bis man mich dann ausgelacht hat. Dann hab ich mich gar nicht mehr getraut zu singen – nur heimlich...
HW: Eine wichtige Person, die, wenn man in Ihre Biografie schaut, immer wieder auftaucht und die maßgeblich zu diesem Knick beigetragen hat, ist Marianne Fischer-Kupfer...
JK: Ja.
HW: ...und über die würde ich gleich noch ein bisschen reden. Vorher aber noch Musik von Ihnen.
JK: Danke
OMBRA MAI FU (aus „Xerxes“ von G.F. Händel)
HW: Das berühmte Largo aus „Xerxes“ von Händel, „Ombra mai fu“, mit Jochen Kowalski, der heute Abend zu Gast ist im „Klassikradio Hauptstadt – Kulturtalk live“ aus dem Kulturkaufhaus Dussmann, aus Berlin. Herr Kowalski, diese Arie ist natürlich der Hit aller Countertenöre.
JK: Ja, aber es ist ein Albtraum zu singen! Wirklich. Als ich das aufgenommen habe, hab ich, wenn ich mich jetzt recht erinnere, mindestens drei Tage oder vier Tage davor erst mal nicht gesprochen. Dann nur die Aufnahme mit Caruso gehört, weil das ist die Perfekteste für meinen Geschmack – andere sehen das anders – und hab dann immer gesagt: Nee, det kannst du nicht.... Und dann hab ich gebeten, die doch in der Es-Dur-Fassung zu singen, also anderhalb Ton.... – Wer weint denn da? Da ist ein kleines Babychen...
HW: Wie wär´s mit einem Wiegenlied?
JK: Ein Wiegenlied, ja... Also, es war wirklich so: Wenn das Vorspiel anfängt und man steht dann da an diesem Mikrofon, dann könnte man schon vor Angst erst mal wegrennen. Ja, es ist so, weil es wirklich so offen liegt und... man hört alles! Die Arie ist schwer. Und dann gibt´s noch eine ganz schwere, ein ganz schweres Lied von Schubert, „Der Zwerg“. Das hab ich auch einmal gemacht, das würde ich auch nie wieder machen.
HW: Haben Sie es begleitet, Herr Katz?
JK: Nee, das hat er nicht begleitet.
SK: Nein. Aber ich wollte sagen, der Caruso hat das bestimmt in Originalfassung, dieses „Ombra mai fu“ gemacht.
JK: Ja, das war wirklich ein Albtraum im Studio, aber Herr Haenchen hat mir so die Angst genommen und es war dann so relaxed und das hört man, glaub ich, auch. Ich glaube, das ist ´ne ganz gute Aufnahme geworden, wenn man das so sagen darf.
HW: Auf jeden Fall!
JK: Andere singen das anders... oder besser ...
HW: Anders.
JK: Es ist so, dass, wenn das mal im Radio gesendet wird, dass ich dann doch mal mit einem Ohr zuhöre und nicht immer zusammenzucke.
HW: Tun Sie das bei Ihren Aufnahmen, wenn Sie sich selber hören?
JK: Zusammenzucken? Ja, permanent!
HW: Warum?
JK: Weil ich dann immer höre, was hätte besser sein müssen, können.... Wissen Sie, ich hab immer diesen Idealklang, wie es klingen MUSS. Und das ist was ganz Furchtbares: Sie hören auf einem Ohr, wie es klingen muss und auf dem anderen hören Sie, was rauskommt. Und das in Einklang zu bringen, das ist manchmal eine Qual. Ich weiß nicht, ob das jemand nachvollziehen kann: Ich weiß genau, wie es sein muss und versuche das klanglich zu machen und dann höre ich, was wirklich im Moment passiert. Ja und manchmal ist es dann nicht so und nicht das, was ich mir vorstelle, aber...
SK: Das Problem ist, dass man im Studio selten das hört, was man dann eine Woche später hört. Wenn man aufnimmt, ist man drin, man ist nah dran, man hört nicht wie später.
JK: Ganz schlimm ist, wenn man so eine Aufnahme abhören muss. Ich hab jetzt, zum Beispiel, eine ganze CD-Serie abgesagt. Also, ich wollte noch mal die „Dichterliebe“ aufnehmen in der Fassung von Matthus mit Streichquartett, und ich war so unzufrieden! Das fing schon am ersten Tag an mit einem schlechten Studio, wo man überhaupt nicht singen kann. Da war dann schon aus. Das zweite Mal war dann die Stimmung weg, die Atmosphäre stimmte nicht – Aus! Ich hab nach zwei Stunden gesagt: So, das Beste ist – und wir müssen ehrlich sein – wir gehen jetzt alle nach Hause und lassen die Sache sein. Es gibt schon so viele „Dichterlieben“, wir müssen nicht noch eine schlechte dazumachen. Was soll´ s? Hat ja keinen Sinn! Ich muss... in erster Linie muss ICH damit zufrieden sein, muss MIR das gefallen. Und wenn mir das nicht gefällt, dann....
HW: Dann nicht.
JK: Nee! (Applaus)
SK: Das ist aber mutig für jemanden, das einfach abzusagen!
JK: Das waren ein paar schwarze Tage und ich hab dann doch eine Flasche Rotwein anschließend getrunken....
HW: Und dann ging´ s in Urlaub?
JK: Jaja. Aber das ist nicht so einfach, das kann ich Ihnen sagen!
HW: Ich möchte noch ganz kurz, bevor wir gleich wieder etwas Musik hören, auf Ihren großen Favoriten, auf Ihren Lieblingstenor Fritz Wunderlich kommen.
JK: Oh ja!
HW: Den hab ich jetzt für Sie rausgesucht.
JK: Oh, da machen Sie mir ´ne Freude! Was singt er denn? Mozart?
HW: Ja.
JK: Was denn? Belmonte?
HW: Bildnis-Arie.
JK: Tamino - Hätte ich auch gerne gesungen! (lacht)
HW: Dafür singen Sie „Ombra mai fu“ besser.
JK: Nee, das singt er auch besser!
HW: Wir hören jetzt Fritz Wunderlich „Dies Bildnis ist bezaubernd schön“
DIES BILDNIS IST BEZAUBERND SCHÖN (aus „Die Zauberflöte“ von W.A. Mozart)
(Applaus)
HW: Das hört er von oben.
JK: Das ist unglaublich, nicht?
HW: Fritz Wunderlich mit der Bildnis-Arie von Mozart und Herr Kowalski hat Gänsehaut.
JK: Ja. Immer wieder! Und ich muss sagen, auch wenn er „Granada“ singt. Das ist ja... das haut einen um! Unglaublich!
SK: Und ohne die ganze Technik von heute.
JK: Ja.
HW: Ohne Schnitte. Das ist eine Aufnahme, die rein durchgesungen ist.
JK: Wahrscheinlich. Jaja, es ist menschlich... Menschlich ist dieser Klang....!
HW: Ja, menschlich. Menschlich ist Jochen Kowalski, das werden Sie gleich in der zweiten Hälfte noch erleben. Übrigens, an dieser Stelle, bevor es gleich mit Gluck und dem „Orpheus“ weitergeht: Zweites großes... na ja, Vorbild kann man weniger sagen... aber Favoritin ist neben Wunderlich – der kann gut singen – Marika Rökk bei Ihnen.
JK: Wo haben Sie denn das her? (lacht)
HW: Von Ihrer wunderbaren Fan-Internetseite.
JK: Also, das hab ich ja überhaupt noch nicht entdeckt, dass da „Hoch, die Röck“ drin ist. Ja, also ich kann sehr über sie lachen! Wenn man dann wirklich mal einen Durchhänger hat und sich „Frau meiner Träume“ oder irgend so einen Film anguckt...
HW: „Maske in Blau“...
JK: ....“Maskä in Blau”, bittä, oder... ja, irgend so was... „Cora Tärri“... die Gute und die Böse... Es ist schon zum Schrein! Und wirklich, sie kann ja was, also.... kann man ja nicht anders sagen. Bis ins hohe Alter... das soll erst einer nachmachen!
HW: Jochen Kowalski, heute zu Gast im Klassikradio-Hauptstadt, zusammen mit seinem Pianisten Shelley Katz. Über die Aufnahmen, die die beiden machen, reden wir gleich. Und dann gibt´ s, wie gesagt, Gluck und noch ein wunderschönes „Zuckerl“, sagt man wohl: „Plaisir d´ Amour“.
JK: Oh.
HW: Also, bis gleich.
CHE FARO (aus „Orpheus und Eurydike“ von Ch. W. Gluck)
HW: „Che faro senza Euridice” mit Jochen Kowalski. (Applaus)
JK: Danke!
HW: Die Arie des Orpheus, die Klage des Orpheus aus Glucks Oper. Herr Kowalski, Oper ist das eine, Liederabende ist die andere Seite der Medaille sozusagen, die wahrscheinlich nicht weniger schöne, denn Sie geben viele davon.
JK: Ja. - Manchmal fast noch zu wenig, denn was ich heute so sehe, was auf den Opernbühnen passiert... die neue deutsche Regiewelle... Ich kann und will damit nichts mehr anfangen! Also es ist....
HW: Stichwort: „Fledermaus“ in Salzburg...?
JK: Ohhhh!!! - Ich muss wirklich sagen, da hört der Spaß auf bei mir! Da müssten die sagen: Das ist ein neues Stück mit teilweiser Verwendung von Musik von Johann Strauß. Okay, dann ist das klar, aber nicht so ´ne....
HW: Da hätten Sie den Orlofsky ganz klar abgelehnt?
JK: Ja. - Ich mach so was nicht! Wissen Sie, ich plaudere jetzt mal was aus: Ich möchte ja, wenn ich auf der Bühne bin, Menschen darstellen und keine Monster oder irgend so was. Ich will auch ganz gut aussehen, ein schönes Kostüm haben und... es hilft einem Sänger so, wenn ein Bühnenbild toll ist, wenn ein tolles Kostüm ist... Wirklich! Und ich finde es auch eine Frechheit dem Publikum gegenüber. Aber gut, das ist MEINE Meinung. Viele finden es bestimmt ganz toll und die sagen: Es ist ein gaaanz toooller Event hier.... (Applaus) Ich möchte einfach... Ich hab das unlängst im Fernsehen gesehen, da war „Götterdämmerung“, da hopsten die auf Holzpferdchen rum... das ist doch alles grauenvoll! Oder bei uns, „Boris Godunow“... die wühlen da im Müll und da wird russische Popmusik eingespielt.... Nee, also ich als Sänger... und ich weiß von vielen meiner Kollegen – wir müssen ja leider unser Geld damit verdienen – wir werden... auch wenn das Regisseure hören, ich werde dann garantiert nicht mehr besetzt... ich kann damit leben... Ich mach vielleicht mal ganz was anderes, was mit Theater nichts mehr zu tun hat ...
HW: Zum Beispiel, was?
JK: ...weil... sag ich jetzt nicht!.... weil ich keine Lust mehr habe, so was zu machen. Wirklich! (Applaus)
HW: Ich möchte trotzdem noch mal auf die Liederabende zurückkommen und gleich die Frage an Shelley Katz richten: Wie lange kennen Sie sich schon, wie lange begleiten Sie Herrn Kowalski schon?
SK: Wir haben uns 1988 kennen gelernt...
JK:...im vorigen Jahrhundert...
HW: So lange ist das schon her?
SK: Ja. Er kam... ich war Solokorrepetitor in der Deutschen Oper am Rhein und wir machten „Julius Cäsar“ und es kam ein Sänger aus dem Osten, um „Julius Cäsar“ zu machen....
JK: Verdächtig!
SK: Ein bisschen verdächtig, selbstverständlich, und alle im Haus sind ihm nachgerannt, weil es war so der letzte Schrei, dieser Sänger. Und ich... eigentlich... ich war da und habe nicht... Plötzlich brauchte er einen Begleiter und hat gehört , dass ich den Eberhard Büchner begleite. Und er kam zu mir und sagte: Können wir was probieren... versuchen... ?
HW: Das sind jetzt 14 Jahre.
JK: Mit Unterbrechung, 14 Jahre.
HW: Da muss man sich ja unglaublich gut kennen, aufeinander eingehen können.
JK: Also, der letzte Kick kam so in den letzten zwei Jahren, wo wir dann auch mal Schweinereien ausgetauscht haben. (lacht)
SK: Eigentlich ist es ein Wunder, dass er mich aushält, weil ich...
JK: Ja, aber wirklich wahr!!
HW: Wie ist er denn so, Herr Katz? So in Proben... auf der Bühne...?
JK: Jetzt antworte ICH mal...
HW: Nein, nein!
JK: Überlegen Sie sich jetzt genau, Professor Katz, was Sie sagen!
HW: Die Frage ist an dieser Stelle: Kann Herr Kowalski auch mal „Diva“ sein?
SK: Nein.
HW: Das denk ich mir. Glaub ich nämlich auch nicht.
JK: Es wird mir manchmal nachgesagt von bösen Leuten. Damit muss ich leben.
SK: Herr Kowalski ist... Ich habe schon mit Divas gearbeitet - ich sage aber nicht, wen – wo man... eine hat plötzlich zwei Stunden vor dem Konzert entschieden, das Klavier steht total falsch und musste von einer Treppe auf die andere Treppe hinuntergetragen... es ist Wahnsinn, was Divas sich wirklich herausnehmen! Herr Kowalski ist sehr leicht zu begleiten und mit ihm zu arbeiten.
HW: Umso besser, dass man sich natürlich mit den Jahren so aneinander gewöhnt hat und dann natürlich besser aufeinander eingehen kann.
JK: Wir haben´ s ja jetzt drei Wochen in Japan ausgehalten, ohne uns zu zanken.
HW: Fabelhaft! Glückwunsch! Wie kommt das - weil Sie grade Japan sagen - wieso haben Sie in Japan so viele Fans? Das ist ja unglaublich!
JK: Ja, es war schön, es war wirklich schön! Diese letzte Tournee war ein Highlight!
HW: Im Juni war die?
JK: Im Juni, ja.
SK: Es ist wirklich unglaublich! Die standen da nach den Konzerten... Der Herr Kowalski musste unterschreiben, eine Stunde und zwanzig Minuten lang. Einfach am Tisch sitzen und... die stehen auch so in solch einer schönen, netten Reihe, einer nach dem anderen.
JK: Und ich musste dann auch vor allen Dingen... ich musste Sachen singen, die ich überhaupt nicht singen will. Zum Beispiel „Ave Maria“. Ich kann ja „Ave Maria“ eigentlich überhaupt nicht so... es ist nicht so mein Ding. Aber die Japaner wollten das und auf den Proben hier, bevor wir nach Japan gefahren sind... ich war so verzweifelt... ich konnte dieses „Ave Maria“ ... Dann hab ich eine Jazzversion – „Äve Maraia“ – und so wat... Dann haben wir das mal als Jazznummer gesungen, damit ich erst mal einen Zugang dazu finde. Und dann hab ich eine Schallplatte mit einem ganz tollen Bariton – das ist auch ein Lieblingssänger von mir, der Georg Ots - und der singt diese „Ave Maria“ so schlicht und so schön wie ein Volkslied und da dachte ich: So, das ist jetzt die Brücke, wie du das Lied kriegen könntest. Es ist ja so verkitscht...
SK: Die wollten eigentlich achtzehn „Ave Maria“...
JK: Siebzehn.
SK: Siebzehn, pardon! – Wir haben es reduziert auf drei...
JK: ...das war noch zu viel...
SK: Wir hatten so zum Schluss in der Tasche ein viertes, „a la Madonna“ und irgendwann...
JK: Irgendwann machen wir das mal!
HW: Wir hören wieder kurz Musik. Das ist auch eines von den beliebten Zugabestücken, dieses „Plaisir d´amour“ Geht ja auch so in das Fach „Ave Maria“.
JK: Naja. – Ja.
HW: Ein bisschen...
JK: Das Komische ist, Herr Katz hat mir heute aus London eine alte 78-Schellackplatte mitgebracht, mit Richard Tauber, vom Trödelmarkt. Da hab ich mich so gefreut! Ich bin ja mit kleinen Sachen sehr zu erfreuen. Besonders mit solchen alten Platten.
PLAISIR D´ AMOUR (von G. P. Martini)
HW: Giovanni Paolo Martini´s „Plaisir d´amour” mit Jochen Kowalski.
JK: Da krieg ich ja gleich... ich hab das ewig nicht gehört. Wir haben das aufgenommen, während die Revolution in der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik lief, im Amigastudio in der Brunnenstrasse. Ja, und das war, glaube ich, am 4., 5. Oktober.
HW: Ehrlich? Das ist ja genau in DER Zeit!
JK: Das war genau in der Zeit und ich weiß, wir hatten alle überhaupt keine Nerven, weil die Nachrichten überschlugen sich ja... Man hört´ s eigentlich nicht (lacht), es klingt nicht sehr revolutionär.
HW: Nein, in dem Moment nicht. Stimmt. Jochen Kowalski, zu Gast im Kulturradio aus den Räumen von Dussmann, das Kulturkaufhaus in Berlin. Shelley Katz, Pianist, ist auch dabei. Sie machen jetzt zusammen eine neue CD?
JK: Machen wir, ja.
HW: Im Oktober?
JK: Ja, wir üben jetzt gerade und es ist ja das Schönberg-Jahr... Wir wurden so ein bisschen „erpresst“: Wir dürfen in Moskau ein Konzert geben, im Rachmaninov-Saal, aber es muss Schönberg mit dabei sein. Nun ist ja Schönberg nicht so meine Strecke, aber er hat 1930 für eine Singstimme mit Klavier vier deutsche Volkslieder aus dem 15., 16. Jahrhundert mit einem Klaviersatz versehen und die sind so schön! Das haben wir heute zum ersten Mal gemacht.
SK: Die sind wirklich einmalig, mit unglaublichen Rhythmuswechseln...
JK: Ja. Das machen wir und dann wird sein auf der Platte – so Gott will – meine Lieblingslieder, die „Sechs Spanischen Lieder“ von Dimitri Schostakowitsch, die er 1956 für die große... für mein anderes großes Vorbild, die große Zara Dolukhanova, geschrieben hat. In Deutschland fast unbekannt... in der DDR gab´s Platten...
SK: Es ist ja auch die einzige Aufnahme davon überhaupt.
HW: Auch die Lieder, wollt ich sagen, kennt kein Mensch...
JK: Jaja.
HW: ...also, die Wenigsten.
JK: Wenn ich jetzt Glück habe, krieg ich aus Moskau das Band von der Uraufführung. Da spielt Schostakowitsch selbst und Zara singt.
HW: Wirklich! Also auch wieder Neuland für Sie?
JK: Neuland unterm Pflug, ja. Und dann kommen einige Lieder von Rimsky-Korsakov und Tschaikowsky. Und dann machen wir, trotzdem wir immer schlechte Kritiken damit kriegen, „Die ferne Geliebte“.
SK: Wir hatten auch gute Kritiken.
JK: Wir hatten auch gute, aber meistens schlechte.
SK: Ja, Du liest nur die schlechten!
JK: ... und dann kommen Schubert-Lieder dazu... also, mal sehn!
HW: Und Sie begleiten wieder, Shelley Katz?
SK: Ich habe diese Ehre, ja. Ich muss auch sagen... ich wollte auch sagen, Kowalski zu begleiten ist immer so eine Freude, weil bei Sängern, bei „Divas“ muss man eigentlich nur folgen und das geht auch immer so ein bisschen nach der Stimme und es trägt ein bisschen. Der Herr Kowalski ist so großzügig auf der Bühne und bei der Arbeit, dass er dem Begleiter erlaubt, was ein Begleiter tun sollte: Manchmal auch zu führen und im voraus zu spielen und ihm das aufzubauen und vorzubereiten, dass er dann den Raum füllen kann mit seiner Kunst.
JK: Er ist jetzt nur so nett, ich hab ihn zum Essen eingeladen.
SK: Ja, das kostet Dich dann wieder was!
HW: Wir werden´ s beim nächsten Konzert sehen. Ich danke, wir sind leider schon am Ende...
JK: Was? Sind wir denn schon fertig? Ich wusste nicht, wie schnell eine Stunde vergeht.
HW: Ich bedanke mich herzlich bei Ihnen beiden!
JK: WIR haben uns zu bedanken, Herr Wemhoff, und ich hoffe, wir sehen uns und hier, unsere Besucher und alle, die da waren. Herzlichen Dank, dass Sie gekommen sind – trotz Urlaub!
HW: Danke, dass Sie gekommen sind. Diese Stunde ist zwar schon zu Ende, aber eins müsste Sie jetzt freuen: Jetzt gehört er Ihnen, meine Damen und Herren. Schönen Abend! |
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