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Millennium Musicum
Prominente Zeitzeugen und ihre Musik
NDR Radio 3 am
21. November 1999
Eine 52-teilige
Sendereihe von Wolfgang Knauer,
heute mit Jochen Kowalski.
Kowalski:
Frau Marianne Fischer-Kupfer, selbst Sängerin gewesen, studiert bei Tiana
Lemnitz in Berlin und... ja, ich wollte ihr einfach mal was vorsingen mit
dieser neuen Stimme - für mich damals neuen Stimme - und ich kannte nur
eine Arie, das war das berühmte Largo "Ombra mai
fu".
Na ja und ich legte ihr die Noten hin, sie fing an zu spielen und denkt,
ich sing jetzt als Bariton. Es war in Es-Dur, diese Ausgabe und da hab ich
mit der Altstimme gesungen. Und da ist sie fast vom Hocker gefallen, hat
sich aber sehr gefasst, hat zu Ende gespielt, hat mich umarmt und wirklich
gesagt – das muss ich immer wieder sagen – "Dein
Wagner heißt jetzt Händel!"
OMBRA MAI FU (aus "Xerxes"
von G. F. Händel)
Knauer:
Die Arie, mit der alles begann und Jochen Kowalski, der mit einem
fröhlichen "Der Sänger sitzt, fanget an!"
Platz genommen hat, er freut sich auch nach fast 20 Jahren noch über die
Verblüffung seiner Lehrerin Marianne Kupfer.
Altus – ein männlicher Alt, ein Stimmfach, das bis dahin kaum jemand
gehört hatte in Deutschland – nicht zu verwechseln mit dem falsettierenden
Countertenor, wie er uns erklärt.
Kowalski:
Die Begriffe gehen ja ineinander über. Einer bezeichnet mich als
Countertenor, ein anderer bezeichnet mich als Altus, ein anderer sagt
"Kontratenor",
"Haute-Contre" und was es
alles da gibt. Ich hab am liebsten "Altus".
Das entspricht meiner Art zu singen mehr als diese englische, vibratolose
Countertenor-Technik, die ja aus dem englischen Chorgesang kommt und die
für solche Sachen wie Purcell und Dowland ideal geeignet ist. Dafür ist
meine Stimme nicht so geeignet. Ich habe gelernt zu singen mit Eingeweide,
ja. Und da bleibt es ja nicht aus, dass da ein bisschen mehr Saft dahinter
ist und dass man bestimmte Sachen eben nicht singen kann, aber dafür
bestimmte doch. Also, ein Feld fällt für mich weg: diese ganz frühe Musik
ab dem 12. Jahrhundert oder so. Und ich singe bis zur Operette fast alles.
Die Hauptsäule bleibt aber Bach, Mozart, Händel.
Knauer:
Nach dem besonderen Klang seiner Stimme ist
Jochen Kowalski immer wieder gefragt worden. Und jetzt, da er uns am
Redaktionstisch im Hamburger Funkhaus gegenüber sitzt, entspannt,
aufgeräumt und mitteilsam, da ist er ganz froh, dass er nicht abermals bis
in anatomische Details Auskunft geben soll. Ohnehin, die Sache ist ganz
einfach, hat er mal in einem Spiegel-Gespräch gesagt: Meine Alt-Stimme ist
mir über den Stimmbruch hinaus erhalten geblieben. In der Charité habe man
ihm einmal eine Mini-Kamera in den Hals geschoben und entdeckt, dass seine
Stimmbänder nur an den Rändern schwingen, im Unterschied zu anderen
Sängern.
Also: Aus der Traum, ein neuer Wunderlich zu werden, nichts mit Tenor und
Wagner!
Kowalski:
Na, ich hab schon in einer Wagner-Oper mit Professor Kupfer probiert, und
zwar "Die Meistersinger von Nürnberg".
Das war seine erste Inszenierung, die er machte in Berlin an der Komischen
Oper. Er kam aus Dresden, wurde neuer Chef, machte "Meistersinger"
als erstes und wollte die Lehrbuben eben mit Studenten besetzen, nicht mit
diesen älteren Chorherrschaften auf jung getrimmt, mit Perücke und Hose
und so.
Und da war ich einer der Lehrbuben, ich wurde genommen und Frau Kupfer
kümmerte sich um uns, stimmtechnisch, dass wir da nicht überfordert sind,
und hat uns eingesungen und ich fiel ihr irgendwie auf. Und Kupfer sagte
auch mal zu mir nach ´ner Probe: "Sag mal, ich
weiß ja nicht, wie du singst, aber für mich bist du ein Solist..."
oder "...sind Sie ein Solist..."
– Er sagte "Sie".
Na ja und das war das erste Mal in meiner Laufbahn als
Student, wo ich mal Komplimente bekommen habe. Ich wurde ja sonst immer
niedergemacht.
Knauer:
Die Namen, Marianne und Harry Kupfer, spricht Jochen Kowalski mit geradezu
liebevoller Zuneigung aus. Sie haben ihn entdeckt und auf den Weg
gebracht.
Kowalski:
Erst mal wurde ich getestet, ist ja ganz klar. Also, es war ja ein Wagnis:
Ich wurde engagiert als Solist und die erste Partie war der Fjodor in
"Boris Godunow" von
Mussorgski und das ist ja eigentlich eine Hosenrolle, die singt immer eine
Mezzosopranistin. Und Kupfer sagte: "So, jetzt
werden wir mal gucken, was der Kleene so auf der Pfanne hat!"
–
Und das ist so eingeschlagen, wie eine Bombe und die Rolle... ich hab die
geliebt! Schade, ich bin jetzt zu alt, sonst würde ich´s jetzt noch
singen, aber das war so der erste Erfolg.
Dann kam ein Jahr später schon „Giustino“ von Händel und das war
unvergesslich für mich! Das war das Schönste was ich, glaub ich, jemals in
meinem Leben gemacht habe.
Knauer:
Und dieser Giustino war ihm wie auf den Leib geschrieben: Die Geschichte
von einem einfachen Bauernjungen, der die Landwirtschaft satt hat und von
seinem Aufstieg zum Helden träumt.
Kowalski:
Das war ich, das bin ich. Jaja, total! Da
kommt so ein kleiner Unbeleckter aus der Provinz und trifft durch Zufälle,
Zufälle, Zufälle ... wurde er plötzlich hochgehoben, dreht auch ein
bisschen mal durch, aber kommt wieder auf den Teppich zurück und ist dann
zum Schluss wer! Ja.
Das ist eigentlich... na ja, eigentlich hat Händel das für mich
geschrieben, sag ich jetzt mal ganz unbescheiden. Ich lieb die Partie
sehr! Aber es kamen wirklich alle Glücksmomente zusammen: Ich hatte das
richtige Alter damals, hab den idealen Regisseur, den idealen Dirigenten,
das ideale Bühnenbild, ideale Kostüm, die ideale Gesangslehrerin – wat
will man mehr?! Das hat man nur ein Mal im Leben. Das hatte ich und da bin
ich sehr, sehr dankbar dafür.
SE PARLA NEL MIO COR (aus "Giustino"
von G. F. Händel)
Knauer:
Jochen Kowalski, wiederum zusammen mit dem Kammerorchester C. Ph. E. Bach
unter Hartmut Haenchen in seiner ersten großen Erfolgsrolle als Giustino
in Händels gleichnamiger Oper.
Eigentlich aber, sagt unser Gast, eigentlich will er gar nicht so viel von
sich erzählen und seine Platten sollten wir auch im Schrank lassen.
Schließlich gehe es doch um die Stücke, die er fürs „Millenium Musicum“
ausgewählt hat. Nein, seine Bescheidenheit ist nicht eitel, sondern ganz
natürlich und echt. Er ist dieser unbekümmert offene Typ, der sich
nicht aufspielt und nicht den großen Star mimt, obwohl er zu den ganz
Großen des Gesangs gehört. Von Erfolg und Ruhm hat er sich nie verbiegen
lassen, er ruht, wie man so sagt, in sich selbst und ist sich und seiner
Herkunft immer treu geblieben. Auch wenn er früher als die meisten in der
einstigen DDR in den Westen durfte und anders, als seine Familie im
Brandenburgischen Wachow, wo seine Eltern eine Schlachterei betrieben, die
Welt gesehen hat.
Kommt er gelegentlich noch hin, in das kleine Nest bei Berlin?
Kowalski:
Ja, oft! So sonntags, wenn ich Zeit habe, oder samstags. Mein Bruder hat
ja immer so schöne selbstgemachte Wurst und wenn man... die Abendessen
arten ja immer aus. Das sind ja sogenannte Fressorgien, die hören ja gar
nicht mehr auf, denn das Selbstgemachte schmeckt eben besser als das
Abgepackte. Das fängt von der Gurke bis zum Aufschnitt an... ja ...
Und das ist auch mal ganz wichtig... und die haben so ganz andere Sorgen,
als ich zum Beispiel. Ich mach mir Gedanken über meine Stimme und so und
erzähle, wo ich war und die erzählen wieder von ihren Sachen. Das ist
schon mal ganz gut, um wieder auf den Teppich zu kommen.
Knauer:
Obwohl er einer ist, der den Kontakt zum Teppich eigentlich nie verliert.
Gelegentlich sagt er von sich, er sei naiv. Ist er auch fromm?
Kowalski:
Ja, glaub schon. Ohne "Institution
Kirche"... Also, ich bin nicht so, dass ich
sonntags da hingehen muss und mir jemand im Talar erklären muss, wie die
Welt ist. Das find ich ja so was von albern! – Das brauch ich nicht.
Aber ich denke schon, dass ich doch vom Lieben Gott oder... ja... dieses
Geschenk bekommen habe, dieses tolle Geschenk, und dass ich da doch
dankbar sein muss und doch zu – das klingt jetzt naiv – aber doch zu
Seinem Lobe singen soll. Deswegen singt man ja: Zum Lobe Gottes oder um
Liebe zu bekommen. Das ist ´ne Äußerung, ja. Wenn ich nicht fromm wäre
oder gläubig, dann könnte ich auch nicht die Matthäus-Passion und solche
Sachen singen.
Knauer:
Und das Größte darunter, sagt er, ist für ihn die Alt-Arie aus Bachs
"Matthäus-Passion".
Mit der würde er – wenn es soweit ist – gern seine Sängerlaufbahn
beschließen.
Vom Ende ist aber fürs erste nicht die Rede. Aber auf den Anfang wollen
wir noch einmal zurück: Auf seine frühe Liebe zur Oper.
Kowalski:
Ich sollte nach dem Abitur... das war im Juni, dann war Sommerpause... und
ich sollte im Herbst eingezogen werden zur Nationalen Volksarmee. Durch
verschiedene Umstände wurde ich ausgemustert. So. -
Mein Studienplatz war aber erst nach der Armeezeit, also anderthalb oder
zwei Jahre, mit ein bisschen Luft... Der Studienplatz wurde mir zugewiesen
von der Erweiterten Oberschule, was jetzt "Gymnasium"
heißt. Es war "Binnenhandel"
in Leipzig... Also, ich wäre der schlimmste Binnenhandelsmensch der Welt
geworden, ich kann ja mit Zahlen gar nicht umgehen!
Ja, und jetzt... also, ich war ausgemustert, hatte jetzt praktisch zwei
Jahre nichts. Und da ich ständiger Besucher der Staatsoper Berlin war, bin
ich auch immer ums Haus geschlichen, um mal einen Sänger leibhaftig zu
sehen. Ich hab mir nie ein Autogramm geholt – ich hab mir das nie getraut
– und da stand aber so: "Wir stellen ein:
Requisiteure, Bühnenarbeiter...."
Also gut, bin ich hingegangen und die haben gesagt: "Wann
kannste anfangen?" und ich sag: Nach der
Sommerpause... Okay. - August 1972 fing ich da an.
Die erste Aufführung war "Figaros Hochzeit"-
Premiere unter Otmar Suitner, mit Anna Tomowa-Sintow...
das ging gleich mit ´nem Knall los... Theo Adam als Graf, Siegfried Vogel
als Figaro – na ja, vom Feinsten!
Knauer:
Und eine Oper hat es ihm ganz besonders angetan: Richard Wagners "Lohengrin".
Kowalski:
Ja, das ist mein Schlüsselwerk! Das hab ich gehört mit siebzehn an der
Berliner Staatsoper - ich weiß noch genau die Besetzung – und war
anschließend wie tot! Ich weiß gar nicht, wie ich aus dieser Vorstellung
gewankt bin, auf mein Motorrad, und bin dann wie in Trance nach Hause
gefahren und da fing´s eigentlich an.
Der "Lohengrin" ist
nach wie vor eines meiner liebsten Werke. In seiner ganzen Naivität und in
seiner ganzen Symbolik und ich will da auch gar nichts rein
interpretieren. Ich hab das bis jetzt immer schlecht inszeniert gesehen.
Ich will´s einfach nur hören und perfekt hören und wir haben das große
Glück, das heute mal perfekt zu hören:
Es dirigiert Furtwängler, Lohengrin ist Franz Völker und Elsa, Maria
Müller. Und ich finde, das ist der Gipfel des Wagner-Gesangs, danach kann
man eigentlich nichts anderes mehr hören und nichts anderes mehr gelten
lassen.
Also, wenn´ s mir nicht so gut geht und ich ein bisschen depressiv bin,
dann leg ich mir immer diese Aufnahme auf und weiß ja: Also, det is et!
("Lohengrin"
von R. Wagner)
Knauer:
Eine Live-Aufnahme aus Bayreuth von 1937. Ausschnitte aus Richard Wagners
"Lohengrin" mit Franz
Völker als Lohengrin, Maria Müller als Elsa, Josef von Manowarda als König
Heinrich und Margarete Klose als Ortrud. Und der Dirigent von Chor und
Festspielorchester von Bayreuth war Wilhelm Furtwängler.
Technisch unzulänglich, nach heutigen Maßstäben, aber für Jochen Kowalski,
unseren heutigen Gast in "Millenium Musicum",
die "Lohengrin"-Einspielung
überhaupt. Dass die Aufnahme 60 Jahre alt ist, stört ihn nicht im
Geringsten. Viel mehr Vorbehalte hat er gegen heutige Produktionen im
Studio.
Kowalski:
Ich bin ja kein Freund von Aufnahmen machen! Also, ich hab immer viel
lieber... die Leute sollen in meine Konzerte kommen.
Ich kann das nicht mehr ertragen: Ich muss da in ein steriles Studio
gehen, sing da die Sachen und... manchmal ist die Stimme okay, dann ist
was mit dem Orchester, dann muss man das alles noch nachmachen, dann wird
geschnitten.... Also, ich kann das überhaupt nicht ausstehen!
Aber ich weiß, es gehört dazu, ich weiß... Ich krieg viel Post, da steht
drin: "Herr Kowalski, Sie müssen das machen! Wir
wohnen da hinten, weiß ich wo... irgendwo, ganz weit weg und haben nicht
die Möglichkeit und das Geld, um zu Ihnen zu kommen in die Aufführung nach
Berlin oder nach München oder nach Hamburg...."
- Okay. Es gehört auch heute mit dazu, dass man Schallplatten macht, aber
ich möchte es eigentlich nicht mehr. Ich bin gar kein Freund davon.
Live-Aufnahmen, ja. Auch wenn da was schief geht, okay, ich bin nur ein
Mensch. Bei den Aufnahmen von Lotte Lehmann, wenn man da mal mit der
Partitur sitzt, da geht so viel schief und das ist trotzdem unerreicht!
Auch da bin ich ein bisschen altmodisch. Manch einer kann ja gar nicht
genug Schallplatten machen und da ist da auch noch die Firma, die die
Werbung macht, und dann sind die Bilder in den Zeitungen und dann sind die
Bilder in den Schaufenstern... Ich guck mich nicht gerne an in
Schaufenstern zwischen irgendwelchen Sachen. Also, ich brauch das nicht.
Knauer:
Ein bisschen altmodisch sei er, hat er von sich gesagt. Richtig ist auf
alle Fälle, dass auch seine übrige Auswahl für unsere Sendung aus ferner
Vergangenheit stammt. Mitgebracht aus Berlin hat er eine alte russische
Aufnahme von Rimsky-Korsakov´s Oper "Die
Mainacht" aus dem Jahre 1948.
Kowalski:
In Deutschland fast unbekannt. Zu Rimsky-Korsakov´s Lebzeiten wurde das
Werk nur 1900 in Frankfurt am Main – schlecht - aufgeführt. Das war, glaub
ich, zu seinen Lebzeiten und ich weiß jetzt nicht, ob es überhaupt in den
letzten Jahren an einem Opernhaus Deutschlands zu sehen war, was ein
großes Versäumnis ist.
Es wiederholt sich ja immer so viel im Repertoire und man sollte doch mal
ein bisschen über die Ländergrenzen hinaus schauen! Es ist ein ähnliches
Thema wie die deutschen romantischen Opern: "Rusalka"
– also das ist jetzt nicht deutsch – "Undine"
im deutschen Fach von Lortzing und E.T.A. Hoffmann, "Rusalka"
von Dvorák ...
Es ist... Rimsky-Korsakow hat es nach einer Erzählung von Gogol
geschrieben – sie heißt auch "Die Mainacht"
– und es ist so ´ne Liebeserklärung an seine Frau.
Als die beiden, also Rimsky-Korsakow und seine Frau, Brautleute waren, da
haben die beiden auf der Datsche in irgend ´ner Weite Russlands diese
Erzählung gelesen und sich total in diese Erzählung verliebt. Und Frau
Rimsky-Korsakow, die auch Komponistin war, hat zu ihrem Mann gesagt:
"Also das ist doch ein Stoff und du müsstest
mal...." und das ist eigentlich eine
Liebeserklärung an seine Frau und das hört man auch in der Musik, finde
ich.
Die Handlung ist ja ganz knapp erzählt: Levko liebt Hanna, Levko´s Vater
liebt auch Hanna, Levko´s Vater ist der Bürgermeister und will natürlich
diese Hochzeit verhindern. Und diese Verzweiflung der Liebenden... und
diese frechen Lieder von Levko, der Spottlieder auf seinen Vater singt,
was der Vater aber nicht weiß, aber jeder weiß... irgendwo kommt da abends
im Dunkeln immer so eine Horde junger Leute, die freche Lieder gegen die
Obrigkeit singen....
Das erste Lied des Levko, „Die Sonne sinkt“, das ist so das erste große
Spottlied und Liebeslied... alles zusammen.
DIE SONNE SINKT (aus "Die
Mainacht" von N. Rimsky-Korsakow)
Knauer:
"Die Sonne sinkt, die Dämmerung naht"
aus Rimsky-Korsakov´s Oper "Die Mainacht",
gesungen von dem russischen Tenor Sergei Lemeshev.
Kowalski:
Das ist eine Aufnahme der Staatlichen Russischen Schallplattenfirma und es
singt ein Star den Levko, ein Star wie man sich das eigentlich nur in
Deutschland vorstellen kann... ja, wer war so? – Rudolf Schock.
Es ist Sergei Lemeshev, ein Liebling der Frauen. Es gab da Szenen... wenn
man das mal so verfolgt und alte Moskauer spricht... dass er, wenn er nach
Vorstellungen aus dem Bolschoi kam, wenn er Lenskij sang,... wurde das
Auto angeschoben bis zu seiner Wohnung. Er brauchte nicht mal fahren, er
wurde getragen. Blumen flogen auf die Bühne... und es war der
Liebling der Moskauerinnen und überhaupt der ganzen Russinnen.
Duett (aus "Die
Mainacht" von N. Rimsky-Korsakov)
Knauer:
Ein weiterer Ausschnitt aus Rimsky-Korsakov´s Oper "Die
Mainacht", die unser heutiger Milleniums-Gast
Jochen Kowalski als eines der Werke genannt hat, die ihm besonders viel
bedeuten. Speziell in der eben gehörten Besetzung des Moskauer
Bolschoi-Theaters von 1948, mit dem Tenor Sergei Lemeshev als Levko.
Kowalski:
Und dann kommt meine Lieblings-Szene aus der Oper, die ukrainische Nacht,
das Rezitativ und die Arie des Levko "Schlafe,
meine Geliebte".
Levko liegt da – man muss sich das vorstellen! – das ist eine Mainacht,
die Nachtigallen singen, der See flimmert, der Mond strahlt und er singt
ein Liebeslied an seine Hanna. Er weiß nicht, ob er sie kriegen kann und
schläft ein und die Rusalka kommt und legt ihm einen Brief in die Hand, da
steht drin: Alles wird gut, der Bürgermeister muss dieser Hochzeit
zustimmen...
Das ist eigentlich eine der schönsten Tenor-Arien überhaupt und ich
wünschte mir, dass mal unsere Tenöre das auch singen. Die singen immer
alle nur das Gleiche und es gibt so viel Schönes da zu entdecken. Das ist
fast wie ein Wiegenlied, aber hören Sie selbst, Sie sind bestimmt auch
fasziniert. Und Lemeshev singt es so toll! Also, da kann ich nichts mehr
dazu sagen.
SCHLAF, MEINE GELIEBTE (aus
"Die Mainacht" von N.
Rimsky-Korsakow)
Knauer:
Noch einmal Sergei Lemeshev in der
Bolschoi-Aufführung von Rimsky-Korsakov´s "Die
Mainacht" aus dem Jahre 1948.
Wären die politischen Verhältnisse damals anders gewesen und hätte dieser
Sänger in den Westen reisen dürfen, ihm wäre eine Weltkarriere sicher
gewesen, sagt Jochen Kowalski. Ebenso wie Iwan Koslowski, jenem anderen
großen russischen Tenor, von dem er ebenfalls eine Aufnahme mitgebracht
hat.
Auch für ihn selber kam der große Durchbruch zu internationaler
Bekanntheit mit dem ersten Engagement im Westen, in Hamburg, Anfang 1985.
Kowalski:
Gerd Albrecht kam nach Berlin und ich sollte ihm vorsingen. Ich hab nur
zwei Takte gesungen... Ich brauchte nur zweimal vorsingen in meinem Leben:
einmal für die Komische Oper - ich musste ja, pro forma - und einmal Gerd
Albrecht, aber das waren nur 30 Sekunden, Gott sei Dank! Und dann sollte
ich ein drittes Mal für Karajan, 1985, aber das hat sich dann zerschlagen.
Der wollte die h-Moll-Messe machen... Das wäre natürlich auch toll
gewesen! – Okay.
Also, ich kam in den Westen an die Hamburgische Staatsoper für "Belsazar".
Die zweite Traumrolle... da musste ich ganz anders sein. Es war eine
schwere Probenzeit. Ich kam in den Westen und hab hier alles doch noch
nicht gesehen und wurde natürlich Tag und Nacht abgelenkt und war auf den
Proben so unkonzentriert, hab Text vergessen, weil mich alles verrückt
gemacht hat: Von der S-Bahn bis zum MacDonalds, bis zur Reeperbahn,
alles...die Kaufhäuser... alles, alles, alles. Da kommt wieder so ein
Kleiner aus dem Osten und sieht das und diese westliche Welt stürzt dann
plötzlich auf einen ein. Das war furchtbar!
Ich war immer zufrieden, wenn ich wieder in Friedrichstrasse im Osten war,
da kannte ich... mein geregeltes Leben, wusste, wie das läuft ... kann
hier nicht so viel damit anfangen...
Aber es war... Mensch, det war eine tolle Zeit!
Knauer:
Und noch heute erzählt er mit verklärtem Blick, dass die Hamburger
"Belsazar"-Inszenierung von
Harry Kupfer, mit ihm in der Rolle des jüdischen Propheten Daniel, vom
NDR-Fernsehen aufgezeichnet und gesendet wurde. Und wie Mutter Kowalski in
Wachow, im elterlichen Schlachterladen Reklame dafür gemacht hat, obwohl
doch West-Fernsehen damals in der DDR streng verboten war.
Nach Hamburg kamen weitere Verpflichtungen in westliche Musikzentren. Der
junge Sänger durfte reisen und sich sogar ein, zu Hause viel bestauntes
westliches Auto mitbringen. Allerdings immer streng kontrolliert und von
der STASI mit Argusaugen verfolgt.
Kowalski:
Aber trotzdem konnte ich rüber und die anderen sind erschossen worden. Das
darf man dabei immer nicht vergessen!
Ich weiß noch, ich hab Anfang 89 in der Talkshow gesessen bei Lea Rosch
und es ging um Heimat. In Westberlin - das haben die sogar gestattet. Da
war Ruth Berghaus, Heiner Müller, Martin Walser, Liebermann... hier unser
geliebter Liebermann von der Staatsoper, ich,... viele... Wer war da noch
aus dem Osten? – Ich weiß jetzt gar nicht...
Es ging um Heimat, um Ost oder West und an dem Tag ist der Geffroy
erschossen worden. Das war so furchtbar für uns, da zu sitzen... ich
durfte rüber und der... ist erschossen worden. Also ich ... eigentlich war
das ´ne blöde Zeit dann. Ich bin zufrieden, dass das vorbei ist!
Knauer:
Endgültig vorbei war es dann wenige Monate später. Die Protestbewegung in
der DDR wuchs und das Ende des SED-Regimes war bereits absehbar, als die
Staatsführung am 7. Oktober den 40. und zugleich letzten Geburtstag der
DDR feierte. Mit Staatsakt im Palast der Republik und mit den kulturellen
Aushängeschildern, zu denen auch Jochen Kowalski gehörte.
Kowalski:
Ich war da gleich nach dem Thomaner-Chor dran mit "Julius
Cäsar" - "Va tacito e
nascosto", natürlich mit deutschem Text. Es
wurde ja alles erst mal umgeschrieben, dass das auch alles linientreu ist.
Das ging wirklich so weit, dass die die Texte umgeschrieben haben!
Na ja, das war schon weniger schön und das war ´ne saublöde Situation. Ich
hab auch noch falsch eingesetzt, so... also, in so einer Verfassung war
ich... gar nicht dabei, weil ich Angst hatte, die stürmen den Palast. Die
standen schon da draußen, Tausende, und die wussten ja, dass da die ganzen
Partei-Größen drin sind. Und ich sehe immer noch Egon Krenz, der hatte,
als einigster wahrscheinlich in der DDR, damals schon ein Handy. Es ging
nur mit Handy... und immer raus und rein... es war eine Unruhe trotzdem...
Die saßen an einem großen Tisch mit Jaruselsky und wie die alle hießen,
Ceausescu, Arafat, ... alles saß da unten. Gorbatschow war leider schon
weg. Und wir haben gesagt, wir singen nur für ihn...
Knauer:
Wenig später sang er dann in einer Versammlung der Bürgerrechtler in der
Erlöserkirche.
Kowalski:
Da wurde ich gebeten von den Schriftstellern Christa Wolf, Christoph Hein,
Stefan Heym. Es ging um die Zugeführten, die da praktisch ihr Schicksal,
oder was die da durchgemacht hatten am 7. Oktober... Die sogenannten
"Zugeführten", die sie
da verhaftet und misshandelt haben, die haben da gesprochen. Und da waren
viele Künstler, die haben gelesen, musiziert, Rockkünstler auch... die
ganze Bandbreite. Und man hat mich gefragt, als einer der Klassik-Leute
und das war für mich eine Selbstverständlichkeit.
Da konnte ich freiwillig hingehen. Am 7. Oktober musste ich, ob ich wollte
oder nicht. Schreier, Adam mussten auch, uns blieb gar keine Wahl. Wenn
ich damals den Mut gehabt hätte und gesagt: Nee, ich mach det nicht, oder
so, wäre ich vielleicht jetzt auch ein Held, aber so bin ich das leider
nicht, bin ich nur ein einfacher Sänger...
Knauer:
Dann kam der 9. November 1989 und der einfache Sänger Jochen Kowalski tat
das, was er am liebsten tut: Er stand auf der Bühne und sang.
Kowalski:
Ja, auf der Bühne der Komischen Oper als „Orpheus“. Normale Vorstellung...
Ich hab zwar die Pressekonferenz noch zu Hause gesehen aber ich musste um
halb sieben Uhr los und der Schabowski hat das wohl nach halb
sieben verkündigt.
Ja, und keiner... Wenn ich "Orpheus"
singe, bin ich... da hätte sonstwas passieren können, die Welt untergehen,
das hätte mich gar nicht interessiert. Da ist mir erst mal die Vorstellung
wichtig.
Und ich ging auf die Bühne – es fing um acht an – da wurde schon gemunkelt
und dann hat die Technik das auf die Bühne gerufen und hat mir gesagt:
"Ey, Alter..." – so
nennen die mich da...oder Jochen – "...heute
Abend düsen wir noch in ´n Westen!" Ich hab das
aber gar nicht mitgekriegt, weil ich mit der Vorstellung beschäftigt war.
Und dann bin ich nach Hause gefahren, da sind die alle in die Richtung
Brandenburger Tor und ich wusste gar nicht... was wollen die denn da und
was ist denn jetzt los?
Dann war ich zu Hause, so um halb elf, und da haben Freunde aus Österreich
angerufen, dass sie das im Fernsehen jetzt sehen, dass es jetzt losgeht.
TANZ DER FURIEN (aus "Orpheus
und Eurydike" v. Ch. W. Gluck)
Knauer:
Der "Tanz der Furien"
aus Christoph Willibald Glucks Oper "Orpheus und
Eurydike". Wie unschwer zu hören war, in einer
alten Aufnahme, einer aus Jochen Kowalskis großer Sammlung. In Moskau hat
er sie gefunden, entstanden etwa 1950, mit dem RSO Moskau unter Leitung
von Samuel Samosud, 1884 in Tiflis geboren und in seinem 80-jährigen Leben
zu einem der bedeutendsten Dirigenten der damaligen Sowjetunion
aufgestiegen. Er brachte zahlreiche neue Opern heraus, leitete unter
anderem die Uraufführung der "Nase"
von Schostakowitsch und Prokofjews "Krieg und
Frieden" und eben auch die, von Jochen Kowalski
hochgeschätzte "Orpheus"-Plattenproduktion.
Kowalski:
Samuel Samosud ist einer der besten Dirigenten, im Westen fast vollkommen
unbekannt, und was er da aus dem Ding macht, so stell ich mir
lebendiges Musizieren vor. Ich finde diese Aufnahme ganz außerordentlich!
Es wird zwar russisch gesungen – okay – das war damals üblich, alles in
Landessprache, so wie in Deutschland auch. Das ist ja erst eine Mode in
den letzten zehn Jahren, dass man alles in Originalsprache singt,
also in italienisch oder hier in dem Fall, in französisch... Ich hab´s ja
ganz gerne, wenn ´s deutsch gesungen wird.
Knauer:
Dann ist es vor allem der Orpheus, den er schätzt, gesungen von dem 1900
geborenen Tenor Iwan Koslowski.
Kowalski:
Einer der größten Sänger unseres Jahrhunderts, finde ich, der noch mit
neunzig im Bolschoi-Theater den Einfältigen in "Boris
Godunow" sang - es gibt sogar davon eine
Aufzeichnung - und eine der interessantesten Stimmen überhaupt.
Wenn man bedenkt, dass so ein Sänger in dieser schrecklichen Stalin-Zeit,
wo ja Repressalien an der Tagesordnung waren, wo man nicht wusste ob man
morgens noch zu Hause oder schon abgeholt ist, dass der sich da entwickeln
konnte und dass der da arbeiten konnte und eine Diskografie hinterlassen
hat... Ich glaube, 23 Gesamtaufnahmen, über 3000 andere Aufnahmen, auch
religiöse Gesänge, denn er war trotz alledem, trotzdem er in der
Sowjetunion, in einem atheistischen Staat lebte und wirkte, war er auch
überzeugter Christ und hat sehr viel kirchliche Musik aufgenommen.
Und er hatte Ende der 30er-Jahre, bis zum Überfall Deutschlands auf die
Sowjetunion, eine eigene Operntruppe und hat konzertant und szenisch in
Moskau viele Sachen aufgeführt, die am Bolschoi nicht so liefen. Unter
anderem auch die französische Fassung von Glucks „Orpheus“, die
Tenor-Fassung, die wir ja kennen mit Nicolai Gedda – das ist eigentlich
die Berühmteste, glaub ich, auf Schallplatte – und ich bin durch Zufall,
als ich 1983 in Moskau war... hab ich mir die Platte schon mitgebracht und
ich war so fasziniert! Da hörte ich ihn zum ersten Mal und jetzt gibt es
das alles, Gott sei Dank, auf CD und die schönsten Szenen daraus, finde
ich, sollten wir uns mal anhören. Er ist ein Zauberkünstler der Stimme,
man muss sich an die Stimme allerdings gewöhnen.
2 Arien (aus "Orpheus
und Eurydike" v. Ch. W. Gluck)
Knauer:
Das war Iwan Koslowski als "Orpheus"
in der russischen Aufnahme der Oper von Gluck mit dem RSO Moskau unter
Leitung von Samuel Samosud.
Ausgewählt für des Millenium Musicum von Jochen Kowalski, dem erfrischend
normalen, ganz und gar unaffektierten und liebenswürdigen Sänger aus
Berlin, der uns zum Abschluss seines Besuches bei uns im Funkhaus besorgt
fragt, ob er wieder zu viel "jeschnattert"
hat, der Hamburg, die Stadt seines ersten Bühnenerfolgs im Westen mag und
der nach unserem Gespräch noch ein paar Einkäufe machen will. Dessen große
Liebe aber Berlin gehört und dort vor allem der Komischen Oper, seiner
eigentlichen künstlerischen Heimat.
Und wie geht es weiter? Er hat viele Pläne für das kommende Jahrhundert,
dessen Beginn er in New York erleben wird.
Kowalski:
Ich hab mich belehren lassen, dass man ja eigentlich erst 2001 so richtig
feiern soll, dass das ja jetzt gar nicht die Wende sein soll, aber...
Okay. - Gut...
Ich steh auf der Bühne der MET an dem Abend. Wir machen ´ne große Gala, 2.
Akt "Fledermaus", mit
wahrscheinlich X Special Guests, vom Musical bis zum, weiß ich was.
Es ist was Besonderes! Wenn man in den Annalen dann mal guckt - was war
denn da zur Jahrtausendwende? - hat der kleene, olle Kowalski aus Wachow
bei Nauen an der MET gesungen. Das ist toll! Da bin ich auch wirklich
dankbar. Es ist doch... besser kann man´s doch gar nicht haben!
Knauer:
Und so wie er es sagt, meint er es auch. Möge es so bleiben, wünschen wir
ihm und sehen ihm hinterher, wie er vom Funkhaus-Hof fährt, neuen Aufgaben
und Projekten entgegen...
Das war "Millennium
Musicum" mit Jochen Kowalski.
Am Mikrophon verabschiedet sich Wolfgang Knauer.
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