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Opernwerkstatt aus dem Veranstaltungsprogramm der "Freunde der Wiener Staatsoper"
Anlässlich eines Wien-Gastspiels der Berliner Komischen Oper mit „Orpheus und Eurydike“ war Jochen Kowalski Gast bei den Opernfreunden. Volkmar Parschalk sprach mit dem Sänger am 23. April 1989 im Wiener Raimundtheater.
Musikeinspielung CHE PURO CIEL (aus „Orpheus und Eurydike“ von Ch. W. Gluck) P:
Meine Damen und Herren, wir haben ein Gastspiel der Komischen Oper in Wien
und die Komische Oper aus Ostberlin bringt uns die Oper „Orpheus und
Eurydike“ in einer faszinierenden Aufführung, die wir eigentlich im
Repertoire der Wiener Opernhäuser haben sollten. Herr Kowalski, diese Aufnahme, die wir gerade gehört haben, ist eine Schallplattenaufnahme, die im Sommer erst erscheinen soll und die in italienischer Sprache produziert wird. Warum? K: Ja. Wir haben sie im letzten Jahr in Berlin aufgenommen und diese Gesamtaufnahme wurde natürlich in italienischer Sprache produziert, weil es die Originalsprache ist und weil das einfach international so üblich ist und eigentlich viel schöner ist, als jeder deutsche Text. Finde ich. P: Der „Orpheus“ ist für Sie, nehme ich an, in Ihrer Karriere eine der größten Herausforderungen gewesen. Haben Sie ihn schon einmal gesungen vor dieser Inszenierung? K:
Ich habe den „Orpheus“, also die Arie „Ach ich habe sie verloren...“ , von
Beginn meiner Laufbahn als Countertenor oder Altist – wie man will –
gesungen, aber ich hatte ganz große Angst, die Partie mal auf der Bühne
darzustellen, weil es ist für dieses Fach, glaube ich, eine der schwersten
Partien oder überhaupt die schwerste. Und dann noch in dieser
Inszenierung! P: Sie haben erzählt, Sie haben sich, bevor Sie diese Partie gesungen haben, alle Aufnahmen angehört, vor allem mit Kathleen Ferrier. K: Ja, mit Kathleen Ferrier. Und dann habe ich – in Wien gibt´ s ja so schöne Schallplattenläden – da habe ich mir bei „Caruso“ und wie die Geschäfte alle heißen, sämtliche Aufnahmen erst mal rausgesucht, die für mich in Frage kommen. Es kam ja nur die Wiener Fassung in Frage und es gibt leider sehr wenige Gesamtaufnahmen in dieser Original Wiener Uraufführungs-Fassung. Es gibt immer so eine Mischfassung, die französische Fassung und die Wiener Fassung und da musste man schon ein bisschen suchen. Aber ich habe dann Margarete Klose gefunden, die Ferrier und Agnes Baltsa und da habe ich doch schon ganz schön was lernen können, von diesen großen Darstellerinnen, in dem Fall. P: Ist es stimmlich für Sie anders, wenn Sie es singen oder singen Sie es in der Version, in den Noten ganz genau gleich wie diese Altistinnen? K:
Also, die Noten sind ja die gleichen! Aber ich sing´ s natürlich anders.
Ich hab nicht diese große Stimme wie Agnes Baltsa, zum Beispiel, auch
nicht dieses Pathos von Margarete Klose und ich hab auch nicht diese
unheimliche... wie soll ich´s denn sagen? – diese Schönheit ... für mich
die schönste Stimme ist Kathleen Ferrier. P: Herr Kowalski, es schwirren durch Wien die verschiedensten Deutungen dieser Aufführung ... K:
Ach so? P: Es würde mich doch interessieren, wie sehen SIE diesen „Orpheus“? K:
Positiv! P: Die Tortur, vor allem aus den vielen Bewegungen heraus? K:
Ja, aber es ist ... ich kann´ s mir gar nicht anders vorstellen. P: Übrigens, haben Sie Zarah Leander gesehen? Die hat auch in einem Film .... K: ...in „Heimat“! Ja, ja, das ist auch sehr kurios! P: Herr Kowalski, also, ein junger Rocksänger verliert seine Frau bei einem Verkehrsunfall und kommt in die Psychiatrische Klinik. Ist das so der Ausgangspunkt dieser Inszenierung? K: Kann man sagen, ja. Er will das Geschehene nicht wahrhaben und er kämpft dagegen an, aber es ist nun mal so, man kann nicht dagegen ankämpfen. P: Und die Unterwelt ist, sozusagen, ein Kampf mit dem eigenen Unterbewusstsein? K: So ungefähr, ja. Es ist halb Traum, halb Vision... Ich weiß auch gar nicht, wenn ich diese Partie auf der Bühne singe und spiele, was um mich vorgeht. Also, ich sehe ja diese Spiegelsachen nicht. Ich hab das bloß einmal bewusst gesehen bei einer Beleuchtungsprobe und das hat mich so verwirrt, dass ich gedacht habe: Ich guck da gar nicht mehr hin, das macht mich alles nur noch nervöser! P: Und der Schluss soll
sagen, dass Trost die Kunst bietet oder vielleicht nicht bietet ? Wie
sehen sie das? K:
Doch! Ich finde doch. Die Kunst ... Oder finden sie nicht? (Applaus) P: Vielleicht hören wir uns noch die berühmte Orpheus-Arie an, auch von dieser Aufnahme, die erst im Sommer erscheinen wird. K: Aber da muss ich noch sagen, dass die Plattenfirma der DDR ganz lieb war zu mir. Ich hab gesagt, dass heute eine Veranstaltung mit Ihnen ist und ob sie nicht mal schnell was zusammenschneiden können aus den Bändern und das haben die gemacht. Find´ ich eigentlich toll! Deswegen können wir´ s heute hören, es ist eigentlich noch gar nicht frei gegeben. P: Während dieser Arie, Herr Kowalski, sieht man im Zuschauerraum verschiedene Rock-Idole projiziert ... K: Ich weiß nicht, was hinter mir passiert. P: Sie wissen es nicht, aber man sieht verschiedene Rock-Idole... K: Das bin alles ich, die Fotos. P: Harry Kupfer will damit symbolisieren, dass das „Ach, ich habe sie verloren...“, wie es früher geheißen hat. Jetzt singen sie ja ... K: ... „Wohin ohne Eurydike...“. Diese Übersetzung ist dem Original sehr, sehr nahe. Musikeinspielung CHE FARO (aus „Orpheus und Eurydike“ von Ch. W. Gluck) P: Herr Kowalski, wenn wir von vorne beginnen, Ihre Karriere hat so etwas von einem Märchentraum an sich: Sie sind als Sohn eines Fleischers in Wachow, in der Nähe von Berlin geboren... K: Ja. P: ... und Sie haben als junger Mensch die Musik ungeheuer geliebt, sind hinter dem Rücken ihrer Eltern – Sie haben gesagt, Sie fahren zu Partys – mit dem Motorrad immer nach Berlin in die Staatsoper gefahren. K:
Ja. - Ich hab so richtig meinen Eltern die Taschen vollgehauen. Meine
Mutter hat nachts im Bett gestanden vor Angst, weil ich ja immer erst um
zwei, drei Uhr wieder zu Hause war. Und ich hab gesagt: Na ja, hat ein
bisschen länger gedauert. - Aber die Wagner-Opern, für die ich mich damals
interessiert habe, die waren ja unheimlich lang. Auch in Berlin. P: ...und dessen Würste Sie besonders gerne essen? K:
Besonders gerne, ja. Der macht mir auch mal Extrasachen, schöne... P: Da wollten Sie eigentlich Heldentenor werden? K: Ja. - Möchte ich am liebsten jetzt noch sein! Aber was soll man mit so ´nem bisschen Stimme? Reicht leider nicht aus. P: Wie viel Kilometer ist Wachow von Berlin entfernt? K:
Ungefähr 80. Also von Haus zu Haus – ich hab das genau mal ausgecheckt –
von meinem Elternhaus bis zur Berliner Staatsoper genau 80 km. P: Auch in der DDR nicht? K: Leider nicht mehr so, wie´s eigentlich mal war. Das ist, glaube ich, der Zahn der Zeit. Und der Martin Ritzmann stand manchmal vier Mal in der Woche ... er war so etwas wie Helge Rosvaenge, wissen sie. Vier mal, ... also einmal „Rigoletto“-Herzog, dann „Tosca“, dann „Bajazzo“, „Lohengrin“ und „Meistersinger“. Alles in einer Woche und alles hervorragend! P: Und da sind Sie immer dabei gewesen? K: Da war ich immer dabei. P: Nebenbei haben Sie Ihr Abitur gemacht. K: Nebenbei habe ich mein Abitur gemacht, so mit ein bisschen Schummeln, weil ich in Mathematik eine absolute Null war. Mit Hilfe meiner Kommilitonen, vor mir und hinter mir bei der Arbeit, hat´ s dann grade so gereicht. P: Und ist dann gleich der Plan gekommen: Jetzt werde ich Sänger? Oder wie ist das gewesen? K:
Der Plan ist gekommen, wie gesagt, als ich Martin Ritzmann in „Lohengrin“
hörte. P: In der Staatsoper? K:
In der Berliner Staatsoper. P: Und das haben Sie alles miterlebt. Wann haben Sie dann den Entschluss gefasst, auf die Musikhochschule zu gehen? K:
Eigentlich schon mit meinem 18. Lebensjahr. P: Das haben Sie dann gemacht? K:
Da bin ich in diese Volksmusikschule „Prenzlauer Berg“ in Berlin gegangen,
auch wieder mit Noten und da sagte diese Gesangspädagogin: „Sagen sie mal,
können sie ein Volkslied?“ Ich sag: Nö! Aber ich kann ihnen jetzt hier
„Ein Schwert verhieß mir der Vater“ vorsingen. – Das fand sie gar nicht so
witzig. Wir sind dann bei „Der Mond ist aufgegangen“ gelandet und da hörte
sie einige ganz gute Töne dabei. Da sagte sie: Also, ich mach´ s mit dir,
du brauchst aber Geduld! P: In der Komischen Oper? K: Nein, in der Musikhochschule. Weil die DDR sehr viele Chorsänger braucht für die vielen Theater. Na ja, dann kam ich zu Herrn Kammersänger Heinz Reeh – das ist ein Bass – und der mühte sich mit mir ab, im Tenorfach. P: Und da gibt´ s eine Aufnahme ... K: ...da gibt´ s eine ganz kuriose Aufnahme... P: ...mit Ihnen als Pedrillo. K:
...mit mir als Pedrillo und die ist entstanden anlässlich einer
Fernsehsendung im DDR-Fernsehen. Die Sendung heißt „Sprungbrett“, wo junge
Nachwuchskünstler einer breiten Öffentlichkeit vorgestellt werden und dann
hat das Publikum die Möglichkeit auszuwählen: Den und den Künstler wollen
wir noch mal hören und... so werden manchmal Wege geebnet. P: Und das „Ach, ich habe sie verloren...“ als Tenor? K: Nein, als Altstimme schon. Das war 1982, noch in meinem letzten Studienjahr. P: Also, jetzt hören wir uns das Duett an! K: Bitte, nicht böse sein! Musikeinspielung: Duett VIVAT BACCHUS (aus „Entführung aus dem Serail“ von W.A. Mozart) (Applaus) K: Bitte nicht!!! – Oh! P: Herr Kowalski, darüber, wie Sie Ihre eigentliche Bestimmung, also Ihre Altstimme entdeckt haben, darüber gibt´ s verschiedene Versionen. Eine davon sagt, dass Sie einmal für eine Kollegin einfach einen hohen Ton bei einer Orpheus-Arie gesungen haben. Stimmt das? K:
Die Kollegin ist ja dabei. Sie ist jetzt bei uns im Chor in der Komischen
Oper und sitzt dann immer bei „Orpheus“ im Orchestergraben. P: Noch mal zurück zum
Entdecken. Da haben Sie dann Marianne Kupfer vorgesungen? P: ...was das ist. K:
....wie das jetzt zusammenhängt. Ich kannte da überhaupt gar nichts. P: Und da sind Sie dann gleich an die Komische Oper engagiert worden? K: Der Chef kam nach der Aufführung in meine Garderobe und hat mir was ganz Liebes gesagt, also: „...demnächst treffen wir uns...“ und da war das eigentlich schon klar, dass ich an dieses Haus komme, womit ich überhaupt nicht gerechnet habe, denn Countertenor ist für die DDR was völlig Neues. Es gab ja überhaupt kein Repertoire. Keiner wusste... Sie wussten zwar aus „Meistersinger“, dass ich mich einigermaßen auf der Bühne wie ein Wirbelwind bewegen kann, aber ob ich auch eine Rolle gestalten kann, wusste ja keiner und es ist eigentlich eine tolle Sache, dass ich von der Hochschule direkt an dieses Haus gekommen bin. P: Sie haben vorher schon ein Praktikum dort gemacht? K:
Ja. Der Kupfer kam 1981 von Dresden an die Komische Oper – das muss ich
noch dazwischen schieben – und machte als erste Inszenierung „Die
Meistersinger von Nürnberg“ . Und er wollte für die Lehrbuben nicht die
gestandenen Chorsolisten auf jung trimmen, sondern er wollte direkt junge
Leute dafür haben und hat gesagt: „Da müssen die Musikstudenten der
Berliner Schule ran, da haben die gleich ein Praktikum“ und das war
eigentlich eine ganz tolle Sache! Seine Frau musste das so ein bisschen
überwachen – sie ist Gesangslehrerin, bis heute meine Gesangslehrerin –
übrigens Schülerin von Tiana Lemnitz, die ja sicher in Wien auch noch ein
Begriff ist. Sie hat uns dann betreut, eingesungen und da kam der Kupfer
mal nach einer Probe zu mir und sagte: „Herr Kowalski, das ist da sehr
gut, was sie machen als Lehrbube und ich glaube, eigentlich sind sie ein
Solist. Ich weiß nicht, wie das mit ihrer Stimme läuft, das muss meine
Frau entscheiden und wir behalten sie mal im Auge.“ P: Darf ich nochmals zurück kommen auf die Stimme: Marianne Kupfer hat gesagt, wir machen es „anders“ als in England. Wir versuchen also nicht nur mit Kopfstimme zu singen... K: ...sondern mit dem ganzen körperlichen Einsatz. P: Wie kann man das beschreiben? K:
Das kann man so beschreiben.... das ist eine ganz normale Stimme, wie
Domingo und Pavarotti in ihrer Stimmlage auch.... Also wenn ich singe,
dann singt das nicht nur bis hier, da ist ja unterhalb auch noch was. Und
das singt alles mit, das gehört dazu. Und das macht auch, glaube ich, die
Sinnlichkeit dieser Musik erst aus. P: Haben Sie diese Aufnahmen mit dem Alfred Deller oder Geoffrey Gall oder Paul Esswood...? Kennen Sie die? K: Ja, ich kenne alles. Ich hab das auch alles zu Hause. Und stilistisch kann ich da unheimlich viel davon lernen. Wirklich! P: Es ist aber, wie SIE singen was ganz anderes, auch rein körperlich? K: Ich denke schon. Ich meine ..... Oder?.... Tja..... P: Wir empfinden es auch als ganz anders. K:
Wenn ich das erreichen kann, wäre ich
eigentlich froh! P: Also, es bedeutet für Sie keinerlei Anstrengung oder keinerlei Verstellung? K: Ich muss mich nicht verstellen, nee. Das wäre ja schrecklich! Nee, also das brauch ich nicht, es ist für mich ganz natürlich. Ich kann´ s auch gar nicht erklären... das kommt ... P: Hat Ihr Beispiel eigentlich Schule gemacht in der DDR? Gibt es andere Countertenöre? K: Ja, in Halle fängt jetzt jemand an und es gibt auch junge Männer, die noch in Männerquartetten singen. Aber komischerweise orientieren die sich mehr nach der englischen Tradition. Aber... ist mir egal... P: Wir sind vorher stehen geblieben bei Ihrem Engagement an die Komische Oper. Dort sind Sie 1982 engagiert worden. K: 1983. P: 1983. Sie haben ja eigentlich verhältnismäßig spät Ihr Musikstudium begonnen. K: Sehr spät. P: Mit 23 Jahren, soviel ich weiß. Und haben dann sechs Jahre intensiv studiert, so habe ich es gelesen, sind dann eben an die Komische Oper engagiert worden und sind dort in kleinen Partien aufgebaut worden. K:
Wenn ich das so im Nachhinein betrachte, war es eigentlich so Stufe für
Stufe wie man sich das nur wünschen kann. Ich hatte wirklich das große
Glück – das hat nicht jeder! P: Wir haben lange keine Musik gehört. Hören wir uns eine „Giustino“- Arie an. Musikeinspielung SE PARLA NEL MIO COR (aus „Giustino“ von G. F. Händel) P: Herr Kowalski, der „Giustino“ ist IHRE Rolle geworden, weil diese Aufführung mit so viel Humor inszeniert wurde. Ist das, glauben Sie, schon von Händel angelegt als eine Parodie der Opera Seria ? K: Ich glaube, da ist was dran. Sie ist ja 1737, fast zum Schluss seiner Opernzeit entstanden und ich hab so die Vermutung. Also, wenn man genau hinhört .... aber mit unheimlich viel Liebe! P: Ja, und von Kupfer ist natürlich diese parodistische Element verstärkt worden. K: Ich finde, das ist eine der
schönsten Inszenierungen überhaupt und wir haben sie ja in Berlin schon
fast 50 mal... das ist für eine Händeloper vollkommen ungewöhnlich. P: „Giustino“ war Ihre erste Begegnung mit Wien? K: „Giustino“ war meine erste Begegnung mit Wien, ja. P: Und wie hat es Ihnen hier damals gefallen? K:
Ich kann Ihnen das genau sagen: P: Spätestens nach der Premiere... K: Nach der Premiere, ja. P: ...waren Sie ja ein Liebling der Wiener. K: Es wäre schön, wenn es so wäre! P: Direktor Dönch hat Ihnen dann den Orlofsky in der „Fledermaus“ angeboten. K: Erst mal muss ich Hofrat Dönch überhaupt danken, dass der das gewagt hat, überhaupt eine Händeloper nach Wien... denn ich weiß nicht, wann hier zuletzt an einem der beiden Häuser, an der Staatsoper und Volksoper, ob da mal im Repertoire eine Händeloper war. Wissen Sie das? Weiß das jemand? Es gab mal im Theater an der Wien einen „Julius Cäsar“ von Harnoncourt... P: Mit Seefried und Fischer-Dieskau gab´s an der Staatsoper einen „Cäsar“. K:
Das weiß ich - da hab ich noch gar nicht gelebt... Das muss bestimmt toll
gewesen sein! P: Ja? K:
Das gibt´s in Berlin auch, aber hier fällt´s mir auf. Na, jedenfalls sagte
er: „Das machen wir!“ P: Das war dann, glaube ich, schon die Direktion Wächter? K: Das war die erste Premiere der Direktion Wächter. P: Die „Fledermaus“, das war ja eine sehr interessante Inszenierung. K: Es WAR eine interessante Inszenierung... P: Haben Sie inzwischen den Orlofsky auch schon wo anders gesungen? K:
Ich habe ihn noch nicht wo anders gesungen, nein. P: Und Silvester 1991 in der Wiener Staatsoper? K: In der Staatsoper, ja. Ich hab ein bisschen Angst davor, sag ich ganz ehrlich! P: Ja, aber Sie freuen sich darauf? K: Ich freu mich! Und es
ist der Traum eines jeden Sängers – also jedenfalls für mich gibt´ s zwei
wichtige Häuser, wo ich unbedingt singen möchte – ich kann´ s ja hier
ruhig sagen: Das ist die Berliner Staatsoper und die Wiener Staatsoper.
P: In der Berliner Staatsoper haben Sie auch noch nicht gesungen? K:
Noch nie. P: Herr Kowalski, wie Sie hier an der Volksoper „Giustino“ gesungen haben, hab ich gehört, sind Sie sehr oft in die Staatsoper gegangen und waren aber relativ enttäuscht und sind in der Pause oft weg gegangen. Stimmt das? K:
Ja. Leider ja. – Nicht böse sein! P: Für Sie ist das Ideal eines Ensembles wie es in der Komischen Oper vorhanden ist und wie vor allem Kupfer als Regisseur ein Opernhaus prägt? K: Der Kupfer hat die große
Gabe... P: Sie haben von „Belsazar“ grade gesprochen, das wäre das nächste Musikbeispiel: Eine Aufnahme von Hamburg aus dem Jahre 1987. K: Ein Mitschnitt, ja. P: Und Ihnen hat Frau Kupfer einmal gesagt, als Sie sagten, Wagner liebe ich besonders: „Dein Wagner ist Händel!“ Musikeinspielung DU MENSCHENFREUND... (aus „Belsazar“ von G. F. Händel) P: Herr Kowalski, Sie haben mittlerweile an fast allen großen Opernhäusern, in Europa zumindest, gesungen. Ich weiß nicht, ob außerhalb Europas auch schon? K: Nein. – Ist mir auch zu weit! P: Sie könnten sich inzwischen aussuchen, wo Sie singen und wo Sie zu Hause sind, aber Sie sind eigentlich in Berlin an der Komischen Oper zu Hause und wollen dort nicht weg. K: Nee, eigentlich nicht. Hab ich nicht vor. Nee! P: Was ist die große Attraktion für Sie in Berlin? K:
Erst mal bin ich mit Leib und Seele Berliner. Wirklich! P: Genießen Sie da, sozusagen, Privilegien? K:
Ich hasse das Wort „Privilegien“. P: Und jetzt kommt die unvermeidliche politische Frage nach DDR und Zensur-Maßnahmen und dergleichen... K: Hatte ich eigentlich bis jetzt noch nicht. P: Nichts gespürt? K:
Nee! – Ich hab ein ziemlich großes Maul und ich hab auch wirklich da gar
keine Schwierigkeiten, sag ich... Nicht, weil ich´s jetzt sagen muss,
sondern weil´s so ist. P: Sie haben Ihre Brüder auch dort? K: Der eine, wie gesagt, ist Fleisch...- wie heißt das hier? Metzger? - ... Fleischhauer! Und mein anderer ist bei der DDR-Nachrichtenagentur Journalist. Wir haben guten Kontakt. P: Und Sie haben, soviel ich weiß, Neffen und Nichten? K: Nein, nur Nichten. P: Nur Nichten, denen Sie immer aus dem Ausland was mitbringen. K: Ja. Die haben schon immer so ihre Wünsche. Neuerdings wollen sie immer Jeans haben und dann kriegen sie ihre Jeans, die Kleinen. Sieht hübsch aus! Und ich mach´s auch gerne. Wenn der Onkel dann kommt... das ist immer was Besonderes. P: Was machen Sie, wenn Sie nicht singen? Wofür interessieren Sie sich sonst? K: Ich sammle alte Schallplatten, also mit berühmten Sängern und ich stöbere in Wien hier und überall, wo ich bin, in diesen Trödlerläden umher. Und mich interessieren eigentlich Stimmen, gute Stimmen. Und ich lese viele Biografien über Sänger, über Musik und ich fahre sehr gern Auto – leider zu schnell... P: Ich habe einmal gelesen - weil Sie vorhin gesagt haben, Sie sammeln Schallplatten - Sie haben vier Idole: Also, Wunderlich haben Sie schon genannt... K: Der steht über allen! P: ...die Callas, Chaliapin und Caruso. K: Ja. P: Warum gerade diese vier? K:
Weil es nicht nur Stimmbesitzer waren, sondern auch Darsteller. P: Altistinnen sind nicht dabei bei diesen Idolen? K: Doch, ja. Die Ferrier und auch die Margarete Klose hab ich schon sehr gern. P: Herr Kowalski, wenn wir jetzt vielleicht zum nächsten Musikbeispiel übergehen – „Julius Cäsar“ – das wurde ja , glaube ich, in den letzten Jahren fast nie von einem Countertenor gesungen. Oder wie war das? K:
Doch. P: Und Sie finden, dass es besser ist... K:
Nee, es muss nicht besser sein. - Also, wenn Fischer-Dieskau das gesungen
hat, das muss phantastisch gewesen sein! Hauptsache, die Figur stimmt.
Also, mir ist es völlig egal, ob das ein Bariton, eine Frau oder ein
Countertenor singt, Hauptsache, Julius Cäsar ist da. Das ist für mich das
Entscheidende und wer die Rolle ausfüllt, soll sie singen, finde ich. P: Hören wir uns das an! Musikeinspielung VA TACITO.... (aus „Giulio Cesare in Egitto“ von G. F. Händel) K: Also, diese Arie liebe ich besonders! Es ist so toll zu singen... kann ich Ihnen gar nicht sagen, was das für ein Gefühl ist, wenn man da stehen kann, auf der Bühne und diese Arie singen darf. Ich muss ja immer sagen: DARF... dass man so was Schönes singen DARF! Das ist ein Glücksgefühl, sondergleichen, kann ich Ihnen sagen. P: Sie sind so ein lockerer Typ mit Berliner Schnauze. Sie haben nie das Gefühl, dass, in so klassische Heroen sich zu vertiefen, etwas mühsam ist? K:
Ich mach´ die ja nicht.... ich lege die ja nicht als Heroen an. Bei mir
ist immer ein bisschen Augenzwinkern dabei. Wirklich! Also, man soll SICH
nicht allzu ernst nehmen und diese... Wenn man mal genau auf die Musik von
Händel hört, grade auch bei dieser Arie, die ist schon etwas
unterschwellig... er nimmt´s ja auch nicht so ganz ernst. P: Haben Sie eigentlich je daran gedacht, die drei großen Hosenrollen der Opern-Literatur.... K: Nein!!! - Sie brauchen gar nicht weiter zu reden! P: Ich meine, Cherubino, Octavian, Komponist... K: Nee! – Ich finde, das soll Agnes Baltsa singen, die macht das so gut und die anderen. Da muss ich das nicht. P: Aber wäre das nicht interessant, wenn einmal ein junger Mann den Cherubino singen und darstellen würde? K: Also.... ja, reizvoll wär´s schon, aber... P: Ist das musikalisch für Ihre Stimme nicht möglich? K:
Bei mir sind stimmliche Grenzen gesetzt und in diesen Grenzen möchte ich
mich bewegen. Der Mensch versuche die Götter nicht! Ich möchte ja noch ´ne
Weile singen. P: Da denken Sie also nicht daran? K:
Nee, überhaupt nicht. P: Wie ist es bei Mozart, bei den frühen Mozart-Opern? K: Die möchte ich gerne alle der Reihe nach singen, ja. „Mitridate“ mach ich in London.... P: „Mitridate“ haben Sie gesungen, den Farnace, oder? K:
Den singe ich erst. In London in einer neuen Produktion. Dann möchte ich
gerne „Ascanio in Alba“ singen, den Ascanio. P: Sie werden auch Mozart-Lieder singen, habe ich gehört? K: Ja. P: Wann und wo? K: Ich hab sie schon gesungen. Am 27. November war in der Komischen Oper die Premiere und am 14. Dezember in der Staatsoper Hamburg im letzten Jahr. Da singe ich fünf Mozart-Lieder innerhalb dieses Liederabends. P: Gibt es oft Liederabende in Ihrem Leben, in Ihrer Karriere? K: Ich fange jetzt erst – ziemlich spät – damit an, weil ich mir das nicht ganz so zugetraut habe und ich hatte immer ein bisschen Angst, weil ich finde, es ist das Schwerste, Lieder zu singen. Überhaupt, den ganzen Abend allein da zu stehen. Aber ich habe festgestellt, dass es auch das Schönste ist. Und ich möchte jetzt da ein bisschen weiter arbeiten. P: Singen Sie da nur Mozart? K: Ich singe Bellini – mit Bellini fange ich an – dann kommt Mozart, dann „Die ferne Geliebte“ von Beethoven, dann noch eine Mozart-Konzertarie. Aber ich bereite zum Mozartjahr einen vollkommenen Mozart-Liederabend vor und auch die „Schöne Müllerin“ möchte ich gerne machen. Mach ich auch, hab da Angebote dafür... P: Wo? K:
Das darf ich noch nicht sagen. P: Die romantsche Literatur denken Sie auch, sich zu erobern? K: Na ja, ich geh nur bis zur „Müllerin“, glaub ich. P: Haben Sie einen guten Begleiter? K:
Ich werde jetzt... Bessere haben. Das ist ganz wichtig! P: Bei der Schubertiade in Hohenems, werden sie dort die „Schöne Müllerin“ singen? K: ....... P: Darüber wollen Sie nicht reden. K: Ja ne znáju... P: Weil wir grade dabei sind: Schubertiade und Vorarlberg. Sagen sie eigentlich oft ab? K: Ich musste einmal leider absagen, aber es hatte ganz triftige Gründe. Ich sage nicht sehr gerne ab! Nur wenn es nicht zu vermeiden ist, mach ich das. P: Sie haben voriges Jahr die Innsbrucker Musikfreunde sehr enttäuscht, bei der Festwoche für Alte Musik ... K: Bloß, was soll ich machen, wenn ich unter Antibiotika stehe und der Hals zu ist ?! Ich habe die Atteste hingeschickt von der Humboldt-Universität und wenn sie´s mir dann noch nicht glauben, ich weiß nicht, was ich dann noch machen muss! Aber ich sag wirklich nicht gerne ab und es ist keine böse Absicht.
P: Aber Sie muten sich nicht zu viele Abende zu? Wie viele, etwa, singen Sie?
K: Doch! Ich hab mir manchmal zu viele zugemutet. Zum Beispiel, zweimal „Orpheus“ sollte man nicht hintereinander singen. Aber sonst hätte das Gastspiel nicht stattfinden können. Das ist ein Sonderfall und ich hab´s gerne gemacht! P: Und sonst singen Sie wie viele Abende im Jahr? K: Ich möchte eigentlich nicht über fünfzig gehen, aber manchmal sind es sechzig und ein paar mehr. P: Also, ein-, zweimal in der Woche, nicht mehr. Das ist das Äußerste. K: Mehr darf ich nicht! Aber jetzt hat sich´s etwas gehäuft durch diese „Judith“- Absage. Sonst hätte ich im April vier Vorstellungen, das ist eigentlich ideal, aber nun kam dieses noch dazu... Aber, ich bin gerne hier! P: Jetzt also Mozart, „Mitridate, Re di Ponto“ Musikeinspielung SON REO... (aus „Mitridate, Re di Ponto“ von W. A. Mozart) P: Wenn Sie angetreten sind, eigentlich als „Lohengrin“ aufzutreten und jetzt als Altist – Sie wollen das ja, glaube ich, lieber hören, als „Countertenor“. Macht Ihnen das im Privatleben manchmal Schwierigkeiten, wenn die sagen, der singt mit so einer hohen Stimme? K: Ja. Das ist nicht angenehm, wenn sie sagen: Da steht ein Mann, der singt wie eine Frau.... Wirklich! Das ist schon ziemlich ein psychologisches Problem auch. Ich muss ja immer davon ausgehen, dass viele Leute mich zum ersten Mal sehen und hören. Die haben zwar mal gehört, da ist einer, der hat so ´ne wahnsinnig hohe Stimme, aber jeder weiß ja nun auch nicht... und dann gehen sie in die Vorstellung oder ins Konzert und dann komm ich da raus und fange an zu singen. Da kriegen die erst mal ´nen Schreck! Ich versuche mich ja immer in die Lage der Zuschauer oder Zuhörer zu versetzen und deswegen strebe ich eben an, so natürlich wie möglich, also ungekünstelt, unmaniriert und alles... das möchte ich alles weglassen. So natürlich wie möglich - eben wie Fritz Wunderlich auch – ich meine, wenn man das überhaupt sagen darf, auf diesen Höhen... SO möchte ich singen, dass die sagen: Mensch, da steht er und er kann nicht anders, die Stimme passt zu dem und das kann nur so sein und das ist völlig okay! Wenn ich das erreichen kann, wär´s schon okay.... P: Wie hält man sich fit, stimmlich und körperlich ? K: Ich habe immer mein Buch dabei, da sind diese wichtigen technischen Übungen drin. Schon von Farinelli, die alten Kastraten-Belcantoübungen... Also, die muss ich schon machen.
P: Ich habe gehört, Sie haben eine gute Beziehung zur Religion.
K: Ja, das gibt mir eigentlich die Kraft, dass ich das alles durchhalten kann. Klingt vielleicht komisch, aber ist so... P: Wie? Sie gehen in die Kirche, oder ? K: Ich brauche die Institution „Kirche“ eigentlich für mich nicht. Diese ganze Zeremonie liegt mir alles nicht so sehr. Ich hab das für mich ganz alleine, da hab ich dann meine Ecke... Wenn ich in Wien bin - ich bin nicht katholisch, wir sind evangelisch erzogen worden zu Hause - aber ich lasse keine Vorstellung vergehen, wo ich nicht, entweder im Steffl oder in der Michaeler-Kirche, aus Dankbarkeit, dass ich hier sein darf.... jeder kann nicht hier sein und jeder kann nicht solche schönen Sachen singen... da stell ich eben die Kerze auf, das beruhigt mich und gibt mir die Kraft, dass ich das durchstehen kann. (Applaus) Darüber muss man eigentlich nicht viel reden, das ist ´ne ganz private Sache. Ich kann auch die Matthäus-Passion nicht singen, also die Alt-Partie, wenn man da nicht den Background hat. P: Stichwort: Matthäus-Passion. Ich glaube, Sie haben mal gesagt, es war für Sie das Größte, als Sie mit dem Thomaner-Chor in Leipzig die Alt-Partie in der Matthäus-Passion singen durften. K: Ich hab lange gesagt: Nee, ich trau mir das noch nicht zu und es ist noch zu früh. Und ich hab ja auch die Beispiele: Ich hab wieder Ferrier als Ideal in der Altpartie der Matthäuspassion. Und ich habe aber in der Komischen Oper einen wunderbaren Musiker, der mit mir alle Partien einstudiert, mit dem ich auch menschlich auf einer Wellenlänge stehe. Und der Thomas-Kantor, Hans Joachim Rotzsch, hat angerufen: „Willst du es dieses Jahr singen?“ Ich hab ´ne Weile überlegt – ich hatte es ja schon studiert, teilweise – und dann haben wir gesagt: Ja, wir machen es! Aber ich möchte es eigentlich nie in Konzerten singen müssen. Ich finde, die Matthäuspassion gehört nicht in einen Konzertsaal, die gehört in die Kirche. Muss nicht so sein, aber ich finde, das ist kein Konzert mit Applaus zum Schluss. Leider wurde es von der Thomaskirche verlegt ins Gewandhaus, weil die Thomaskirche restauriert wird zur Zeit. Und ich muss wirklich sagen, Gründonnerstag und Karfreitag waren die schönsten Abende meiner sängerischen Laufbahn! Trotz „Giustino“, trotz „Orpheus” und alles, aber wissen sie, wenn man diese Musik… wenn man der Musik so nahe kommt, das ist was ganz Besonderes: Sie stehen da, der Konzertmeister spielt das Violin-Solo von „Erbarme Dich“… Ich hab gezittert am ganzen Leibe, weil… ich kann´s nicht beschreiben, es ist was ganz Besonderes, diese Musik!.... Und da bin ich ganz glücklich, dass ich das im nächsten Jahr wieder machen darf. P: War das heuer? K: Das war 1988. P: Und heuer haben Sie es nicht gesungen? K: Heuer hab ich´s nicht gesungen. P: Wird Bach in ihrem Leben überhaupt eine größere Rolle spielen? K: Immer mehr. Ich konnte Bach, als ich neunzehn, zwanzig war, nicht leiden. Da gab´ s nur Richard Wagner und „Lohengrin“ und Bach war furchtbar! Aber das hat sich jetzt alles sehr geändert. Jetzt gibt´s Bach, Mozart und Händel. P: Ich habe leider keine Aufnahme von der Matthäuspassion von Ihnen. K: Leider. Es sollte vom Rundfunk mitgeschnitten werden, aber der Evangelist, der an dem Abend singen sollte, der konnte die Partie nicht, noch nicht zur Generalprobe. Und da musste kurzfristig einer eingeflogen werden und nachher haben wir die Rundfunkübertragung absagen müssen. Muss man auch nicht… Vielleicht sing ich´s mal in Wien, würde mich sehr freuen! P: Haben sie eigentlich Kontakt mit Peter Schreier? K: Eigentlich nicht. Ich glaube, der mag das nicht, was ich singe. Der würde eher eine Altistin holen als mich. P: Ach so? K: Ist so. P: Schallplatten: Es gibt zwei CDs mit Ihnen K: Ja, zwei Solo-CDs. Und dann gibt´s von Schütz den „Schwanengesang“. Dann ist jetzt produziert eine CD mit Solo-Kantaten von Händel, eine mit Orchester und dann mit Continuo-Begleitung. Dann der „Orpheus“, die Gesamtaufnahme. Dann wird im Oktober eine Vivaldi-Kantaten-Platte gemacht, eine Weihnachtsplatte im Februar mit wirklich einem ganz tollen Programm - alte Weihnachtsmusik – also nicht so…. P: …nicht Kitsch? K: Nein, so was nicht! Und dann ist geplant eine Mozartoper „Apollo und Hyacinth“… P: Mit den Wiener Sängerknaben, glaube ich, machen Sie was? K: Da ist auch was geplant, das werden wir morgen besprechen. Eine Messe von Caldara... Dann eine Soloplatte, wo alles das drauf ist, was ich gerne singen möchte, werde, darf, kann, soll… Da wird alles Mögliche drauf sein. Und dann mach ich ein bisschen was… das sag ich jetzt nicht! – Weil ich ja auch so einen kleinen Hang zur U-Musik habe, möchte ich so was auch mal machen. P: Das heißt, Schlager? K: Schlager ist zuviel gesagt... - Ich sag´s einfach nicht! Ich meine, Richard Tauber und die haben ja auch alle so was gesungen… Da hat sich kein Mensch… das war damals normal, aber wenn heute jemand so was singt, dann ist das immer ein bisschen anrüchig. Ich finde, man muss es nur ganz gut machen! P: Von einer der Schallplatten möchte ich ihnen noch was vorspielen, und zwar von Telemann haben Sie „Flavius, König der Longobarden“ gesungen. Daraus eine Arie: Musikeinspielung LIETO SUONO DI TROMBE GUERRIERE (aus „Flavius Bertaridus, König der Longobarden“ v. G. Ph. Telemann)
K: Ich habe auch das ganz große Glück - das muss ich hier noch mal sagen - dass ich nicht von der Plattenfirma vermarktet werde. Dass da nicht eine Firma hinter mit steht, wie ein anderer Kollege von mir das leider hat, die sagt: Du musst jetzt die „Winterreise“ aufnehmen, du musst „Die schöne Müllerin“…, obwohl man noch gar nicht soweit ist, du musst das und das und das ... Also, mein Foto steht dann eben nicht neben Salzburger Mozartkugeln im Schaufenster, das bleibt mir Gott sei Dank erspart, und das ist auch nicht mein Ehrgeiz. Also, ich kann mit der Plattenfirma absprechen, was ich machen möchte und was ich nicht machen möchte und das ist eigentlich sehr schön! - Es muss nicht so viel sein. P: Sie haben eine Aufnahme gemacht, eine Platte ausschließlich mit Berliner Komponisten? K: Das ist zum Berlin-Jubiläum entstanden..... P: ...und das war interessant auch für Sie, ich meine, das sind zum Teil sehr unbekannte Komponisten und Nummern. K: Ja. Und das hat mir großen Spaß gemacht! Das war schon 1985. Ich finde es ja immer furchtbar, wenn man sich selbst hören muss...
P: Herr Kowalski, Oper wird ja von vielen als etwas
Anachronistisches angesehen, als ein Museum, in das Leute gehen, die mit
ihren Gegenwartsproblemen nicht fertig werden. K: Ja. Auf einen Nenner gebracht, ja. Ich finde, Oper wird immer weiterleben, man muss bloß wieder den Mut haben, große Gefühle zu zeigen, dass auch die Leute im Zuschauerraum mitweinen, lachen, mithoffen können und bereichert da rausgehen und nicht verärgert. P: Wir haben vorher von Schlagern und Pop-Musik gesprochen. Es gibt da eine Film-Musik, oder wie war das? K: Ich habe in Prag für die „Laterna Magika“ einen Film gedreht. Pallas Athene war ich da. Da sah ich ganz toll aus, ganz in Gold – nicht in Silber – und da hat mir jemand eine tolle Nummer komponiert. P: Ein Requiem? K: So ungefähr, ja. Das ist so eine Anklage der Pallas Athene und daraus hören wir mal ein Stück. Es ist in Altgriechisch – ich versteh´s auch nicht.... P: Haben Sie eigentlich je an das Medium Film gedacht? Hat man da Angebote an Sie gemacht? K: Ja schon. Eine Rolle musste ich absagen, das war auch in Ungarn. Da ging´s um Kastraten und die wollten eigentlich nur meine Stimme haben, weil sie die eben so toll fanden und da hab ich gesagt: Nee, meine Stimme geb ich dafür nicht her und dann ... Nee! Und dann hat man mir, so mit Trick 17, eine kleine Rolle, ein oder zwei Drehtage reingeschrieben, aber das haben wir dann genau geprüft und dann ... Muss nicht sein! Was kommt, kommt. Wenn´s nicht kommt, davon geht die Welt auch nicht unter. P: Und Opernfilme interessieren Sie? K: „Giustino“ gibt´s als Opernfilm auf Video, „Belsazar“ ist aufgenommen. – Ja, interessiert mich schon. Aber ich finde, Oper gehört auf die Bühne und nicht in den Fernsehapparat. Oder bin ich jetzt falsch? (Applaus) Ich kann mich gar nicht so lange konzentrieren, ich geh dann doch mal raus an den Kühlschrank und hol mir was zu trinken, das kann man im Theater eben nicht. Man muss das erleben! P: Aber für die Leute, die nicht in einer Großstadt leben... K: ... ist das sicher eine Möglichkeit und es ist auch gut, dass es so was gibt. Es ist ein Anreiz, in die größere Stadt zu fahren und sich das anzusehen. P: Sie singen ja eigentlich nur in Berlin, oder? Ich meine, in der DDR. In der DDR singen sie nicht an anderen Bühnen? K: Nein. P: Also, sie müssen nicht... sozusagen... jetzt wollen wir unseren Jochen Kowalski im ganzen Land herzeigen ...? K: Nee. - Das ist ja meistens so im eigenen Land. P: Aber sonst in den europäischen Opernhäusern? K: Ja. Ich singe in Leipzig und Halle, da sind die Opernfestspiele. Bis jetzt kam noch nichts... P: Diese Musik von der wir vorhin gesprochen haben, dieses Requiem aus einem Film, der in Prag gedreht wurde Musikeinspielung REQUIEM (aus „Odysseus“) P: Ich habe mir sagen lassen, es gibt in der DDR auch Komponisten, die für Sie komponieren, Sie singen auch zeitgenössische Musik? K: Ja. P: Was ist das? K: Liederzyklen,... Frau Professor Ruth Zechlin hat mir Shakespeare-Sonette vertont, Georg Katzer... Ja, ich finde, ich bin ein Mensch der Jetzt-Zeit und soweit die Musik sangbar ist – vieles ist ja gar nicht mehr sangbar, was heute die Komponisten schreiben – singe ich es. Wenn´s mir Spaß macht, wenn der Text mich anspricht, die Musik, dann mach ich´s schon sehr gerne. P: Wie sehen so die nächsten Pläne von Jochen Kowalski aus? In Wien wird es einen „Boccaccio“ geben in der Volksoper. K: In Wien, ja. Vorher gibt es noch ein Gastspiel der Komischen Oper mit „Giustino“ in Wiesbaden zu den Maifestspielen und dann fangen gleich darnach die Proben für „Sommernachtstraum“ von Britten in Frankfurt am Main an, mit Thomas Langhoff. Dort singe ich zum ersten Mal den Oberon - eine wunderschöne Partie! Dann mach ma ein bißchen Pause ... Nee, da kommt noch Hohenems dazwischen, hätt´ ich beinahe vergessen. Mit Pause ist nichts... Im Juli ist ein bißchen Pause und dann fährt die Komische Oper mit „Orpheus“ nach London zu Covent Garden. Da sind zwei Vorstellungen. Dann geht´s im September nach Leipzig, da ist das Internationale Bachfest. Da sing ich die Matthäuspassion – endlich wieder! Dann sind Schallplattenaufnahmen, Gastspiele in Düsseldorf mit „Julius Cäsar“. Das wird wieder aufgenommen und in Wien wird „Giustino“ im Dezember wieder aufgenommen und dann fangen die Proben schon wieder an, für „Boccaccio“. Und ich habe von Herrn Harnoncourt eine Einladung bekommen – hat mir meine Managerin vor ein paar Tagen erzählt – der möchte im Musikvereinssaal „Theodora“ von Händel aufführen und mich einladen, den Dydimus zu singen. Ich glaube, am 6. März. Da freu ich mich drauf! P: Und „Boccaccio“? Freuen Sie sich da drauf ? K: Jaaa! Klar! P: Das ist was Neues und eine interessante Rolle. K: Eine interessante Rolle. Die große Maria Jeritza hat´ s auch gesungen! Ich meine ... P: Mit welchem Regisseur werden Sie das machen in Wien? K: Er kommt aus der BRD, aus Bremen... P: Torsten Fischer. K: Torsten Fischer, ja. Und der soll sehr gut sein. P: Der ist hervorragend! Er hat am Volkstheater eine herrliche „Jungfrau von Orleans“ gemacht. K: Ja? Das ist umso besser. Wenn das ein guter Regisseur ist, das ist prima! Und da werde ich dann den Boccaccio kreieren. Nur für fünf Vorstellungen, erst mal. P: Der „Orpheus“ wird eventuell auch nach Wien übernommen. K: Ich hoffe... P: Wir würden ihn gerne im Repertoire haben! K: Das weiß ich nicht... Ja, wär´ schön! P: Jochen Kowalski, vielen Dank dafür, dass Sie zu uns gekommen sind und so viel erzählt haben. K: Ich bedanke mich.
P: Wir enden vielleicht
mit dem Orlofsky aus der „Fledermaus“ aus der Volksoper.
(Applaus) K: Danke schön! Musikeinspielung ICH LADE GERN MIR GÄSTE EIN (Aus „Die Fledermaus“ von J. Strauß) |
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