Jochen kowalski


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Zuhause in Berlin und Brandenburg

 

 

Jochen Kowalski zu Gast bei ZIBB am 13. 7. 2004
anlässlich der Elblandfestspiele in Wittenberge.

Das Gespräch mit Jochen Kowalski führte Britta Elm.

 

 

 

BE: Wer an der MET in New York oder am Covent Garden in London gesungen hat, hat es in der Opernwelt geschafft. Doch leider setzen dann viele Maestros zum Höhenflug an, entwickeln Diven-Gehabe und werden dann irgendwie zickig. Es sei denn, man heißt Jochen Kowalski. Dann ist und bleibt man nämlich ein geerdeter Brandenburger Junge, und das auch noch mit 50 Lebensjahren.

 

Einspielung eines Kurzportraits über Jochen Kowalski, gestaltet von Karola von Raven:

 

„Warum man Sänger wird? -  Bei mir stand das eigentlich von Anfang an fest. Ich hatte da zwar große Schwierigkeiten mit dem ersten Vorsingen, weil ich „Lohengrin“ vorgesungen habe...“ (Jochen Kowalski)

Jochen Kowalski trällerte schon als kleiner Junge im märkischen Wachow. In Berlin wollte er studieren, fiel durch und wurde Requisiteur an der Staatsoper. Dann klappte es doch: Es folgten sechs quälende Jahre Gesangsstudium, doch ein Tenor wollte nicht aus ihm werden.

Sein erster Schritt auf die Bretter der Berliner Komischen Oper sollten sein ganzes Leben verändern. Aus dem Chorsänger wurde, dank der Stimmpädagogin Marianne Fischer-Kupfer, ein männlicher Alt, ein Phänomen, ein Wunder...

Regisseur Harry Kupfer gab ihm die erste Hauptrolle und es begann eine Zusammenarbeit, von der die ganze Welt etwas hat. Der „Giustino“ war für den Sänger der internationale Durchbruch. Man schrieb: „Er singt wie ein Engel und sieht aus wie ein Pop-Star.“ - Warum auch nicht? Aber Jochen Kowalski kam schnell von diesem Ausflug zurück.

Zehn Jahre nach „Giustino“ ruft 1994 der Olymp und der ist für Opernsänger in New York. Hamburg, Paris, Wien und London liegen hinter ihm. Jetzt betritt der frischgekürte Kammersänger die Höhle des Löwen, die Metropolitan Opera und er kam, sang und siegte!

Jetzt kennt ihn die ganze Welt und an Niederlagen ist nicht zu denken. Die Partie des „Orpheus“ ist vielleicht seine Paraderolle, egal ob im Kostüm oder im Frack. Die zahlreichen Fans lieben alles an ihrem Star, aber er....

„Er soll so bleiben, wie er ist, dann wird er seinen Weg auch weitermachen“ (Rudolf Meyer, Inspizient an der Komischen Oper Berlin).

Und genau das hat er: Die Opernwelt aufgemischt, aber die Bodenhaftung hat er behalten. Die Kunst des Altus Jochen Kowalski ist einzigartig! Und „Lohengrin“ können ja die Tenöre singen...

 

BE: Und da ist er.

 

JK: Das war aber ein schöner Film!

 

BE: Ja. -  Er ist ganz gerührt...

Es ist schön, dass Sie da sind, wir haben uns alle total gefreut! Ich mich ganz besonders und ich würde jetzt gerne was verraten, nämlich wie Sie diesen Film kommentiert haben. Das ging nämlich so: „Ach, kiek mal, den Anzug hatte ich damals aus´ n Westen...nee, nee, das Ding hatte ich mir in Paris gekauft....“

Sagen Sie, haben Sie zu jedem Teil... wissen Sie noch genau, wo Sie ´s herhaben?

 

JK: Ziemlich, ziemlich...

Ich war ja so gerührt von dem schönen Film. So in zwei Minuten... Toll! Kompliment!

Dankeschön, in Vertretung.

 

BE: Bitte schön, aber ich hab´s nicht gemacht. Das war Frau von Raven, die kann das ganz toll.

 

JK: Danke schön, Frau von Raven!

 

BE: Gut. Jetzt haben wir genug lobgehudelt, sonst wird sie uns noch... oder so...

Wir haben es im Beitrag mal behauptet: Sie sind bodenständig, trotz des vielen Lobes.

 

JK: Sagt man so.

 

BE: Ist es so?

 

JK: Ja. –

 

BE: Ja? Kommt nie die Diva raus?

 

JK: Manchmal... spiele ich die. Da ist es einfach notwendig, wenn die Situation es erfordert. Aber im Normalen eigentlich nicht.

 

BE: Wie lange warten Sie jetzt noch, bis ich Ihnen die Frage stelle: Sagen Sie mal, ein Countertenor, was ist das eigentlich, wie geht das eigentlich?

 

JK: Darüber möchte ich jetzt keine Auskunft mehr erteilen (lacht)

 

BE: Das nervt, oder?

 

JK: Zwanzig Jahre lang. Länger noch...

 

BE: Deswegen lassen wir das auch. Sie können einfach wahnsinnig gut hoch singen.

Hat man da manchmal Angst, dass diese ganz hohen Töne weg sind? Viele Tenöre, die treffen´ s dann nicht mehr, das hohe C...

 

JK: Ja, da hat man Angst.

Ich hatte mal so eine Phase und dann bin ich zum Arzt gegangen und dann hat der mich operiert und dann waren sie wieder da.

 

BE: Oh!

 

JK: Sag ich jetzt zum ersten Mal. Es ist was ganz Neues...

 

BE: Enthüllungsjournalismus...

 

JK: Das, was heute ja gefragt ist.

 

BE: Das find´ ich wunderbar, dass diese Neuigkeit jetzt bei uns in ZIBB rauskommt.

Aber ich stelle mir vor, das ist ein Horrortrip, dass man sich unters Messer begeben muss.

 

JK: Das war so furchtbar! Ich wollte eigentlich von der Terrasse springen. Aber... na ja, auch überstanden.

 

BE: Trotzdem ein fröhliches Kerlchen geblieben.

 

JK: Wir haben Sonne im Herzen, wir sind aus Brandenburg …

 

BE: Muss man diese Sonne im Herzen haben, wenn man in diesen großen Opernhäusern spielt?

Nicht, weil man es geschafft hat, sondern weil man ja mit Kollegen und Kolleginnen umgeben ist, die einem manchmal nicht die Butter auf ´s Brot gönnen. Kann ich mir so vorstellen... hört man so.

 

JK: Ich hab eigentlich nur - wirklich, ich lüge jetzt nicht - ganz gute Erfahrungen mit allen Kollegen gemacht.

Ob das die großen Stars waren, wie Hermann Prey oder Pavarotti oder Sutherland, ich kann da wirklich nur das Beste sagen! Schwer hat man das mit Kollegen im sogenannten „Mittelfeld“ und darunter. Die machen einem das Leben schwerer. Aber die anderen nicht, die sind ganz unkompliziert. Eigentlich ein wunderbares Arbeiten....

 

BE: Sie haben auch ein ganz unkompliziertes Verhältnis zu dem, was Sie singen. Also, es geht kreuz und quer durch den Gemüsegarten, sag´ ich jetzt mit ganz viel Respekt. Sie trauen sich auch an Sachen wie Cole Porter, Mackie Messer, „Night and Day“... Da würden andere sagen: „Nee, das mach ich nicht, das ist ja Werbemusik...“

 

JK: WAS ist das ?!!

 

BE: Das gab´ s mal für so ein Kaffeepulver, „Night and Day“.

 

JK: Nee! Das ist ganz tolle Musik und es ist so schwer zu singen. Ich behaupte, dass „Night and Day“ und Mackie Messer schwerer zu singen sind, als manchmal eine Arie von Händel...

 

BE: Aha.

 

JK: ...denn ich muss ja beides singen und ich weiß, wovon ich rede.

 

BE: Hat man die irgendwann satt, diese Barockgeschichten, mit denen Sie sehr, sehr berühmt geworden sind?

 

JK: Nein, die kann man nicht satt haben!

Aber es kommt der Tag, wo man sagt: Jetzt möchte ich mal was anderes machen, lass´ das mal eine Weile liegen. Aber man kommt immer wieder auf Händel und Bach zurück, weil das eigentlich wieder die Stimme neutralisiert und wieder in die richtige Form bringt. Es ist wie eine Kur.

 

BE: Sie machen am kommenden Wochenende etwas, was Kultstatus hat, so wie Sie.

Das ist auch so ein Ding: Da wird immer geschrieben: der „Kultsänger“...

 

JK: Versteh ich nicht, warum. Ich fühle mich nicht so... nein...

 

BE: Glaub ich auch alles nicht mehr. So herrlich normal und trotzdem ein Opernstar.

Die Elblandfestspiele: Da stehen Sie mit ganz vielen Kollegen auf der Bühne, unter anderem mit Johannes Heesters.

 

JK: Was sagen Sie denn dazu?

 

BE: Das wollte ich SIE fragen, denn 101 Jahre...

Es gibt so dieses Künstlerding: Geh´ nie mit Kindern auf die Bühne, die stehlen dir die Show! Das ist ja so was Ähnliches. Wie gehen Sie damit um?

 

JK: Na, ich bin erst mal ganz stolz und ich wünschte, dass meine Mutter und mein Vater im Himmel zugucken, denn meine Mutter hat ihn Anfang der 40er-Jahre in der Komischen Oper – damals Metropoltheater – in der Premiere einer Operette gesehen und schwärmte seitdem von Heesters. Und dass ihr jüngster Sohn mal mit dem auf einer Bühne steht, das ist schon ein tolles Ding! Muss ich mal wirklich sagen.

Und Kollo sowieso, der ist ja einmalig... und die anderen Kollegen... und Anke Lautenbach, mit der singe ich das „Katzenduett“... Also, ich freu mich riesig!

 

BE: Wir gucken mal rein, was Sie „Open Air“ so drauf haben, zum Thema Elblandfestspiele.

 

Filmeinspielung:

In drei Tagen muss hier alles klar sein für die Elblandfestspiele. Das internationale Festival der Operette hat sich in fünf Jahren zum Kultur-Highlight im Brandenburgischen Wittenberge gemausert. Evergreens aus Operette, Film und Musical locken jährlich Hunderte Zuschauer hierher. Dagmar Frederic, René Kollo, Johannes Heesters und viele andere Künstler werden für gute Laune sorgen.

„Es leuchten die Sterne“ versprechen die Veranstalter und ein Open-Air-Erfahrener ganz besonders: Jochen Kowalski hat auf der Berliner Waldbühne und dem Gendarmenmarkt gezeigt, er kann auch noch anders.

Am 16. und 17. Juli heißt es dann in der Alten Ölmühle in Wittenberge: Die Nacht ist nicht allein zum Schlafen da.

 

BE: Ist das nicht Stimm-Harakiri, in so einem kalten Sommer Open Air sich hinzustellen und zu singen?

 

JK: Nee. – Also, wenn die Stimme sitzt und wenn man nicht viel spricht und man anschließend gleich einen warmen Schal umbindet, ist das okay.

 

BE: Wie wird das sein? Haben Sie sich eine Vorstellung gemacht, mit dieser doch sehr bunten Truppe da zu stehen? Die sind total gemischt: Also, da ist der „schöne, jugendliche“ Casapietra für die Mädels eingeladen, der Heesters – da haben wir drüber gesprochen – es ist für jeden was dabei.

 

JK: Ja, es ist toll!

 

BE: Ein Kessel Buntes...

 

JK: Ein Kessel Buntes, ja, aber das hat ja was! Für jeden... also hier können Familien Kaffee kochen... Das find ich ganz gut!

 

BE: Und wenn die Sommersaison dann zu Ende ist und es wieder in die Halle geht, in die großen Häuser, was kommt dann? Worauf können sich die Menschen freuen?

 

JK: Da kommt erst mal ´ne ganz neue Sache mit dem Salonorchester. Ich hab ein ganz neues Programm, wo ich alle diese Sachen singe, sagen wir mal, von Purcell bis Kurt Weill. Dann kommen neue Liederabende und dann mach ich fürs Internet Aufnahmen: Nur Sachen wozu ich echt Lust habe und nicht, was die Plattenfirma will, sondern, was ICH jetzt will.

Da stellen wir uns in die Kirche in Schottland, nehmen das auf und das kann man dann übers Internet runterladen. Soll was ganz Neues sein, wusste ich auch nicht, musste ich erst lernen...

 

BE: Schauen wir mal, wie das funktioniert.

Man merkt´ s, Sie haben ein ganz, ganz breites Spektrum. Sie müssten Ihr Wissen eigentlich weitergeben. Haben Sie schon drüber nachgedacht, Lehrer zu werden?

 

JK: Bis jetzt nicht. –

Bis letzten Freitag, da habe ich meinem ehemaligen Chef bei einer Opernproduktion in Rheinsberg zugeguckt. Und da kommt ein Fachkollege auf mich zu, ein junger Mann, der Thomaner war und der acht Jahre alt war, als er mich zum ersten Mal gehört hat - also, im vorigen Jahrhundert. Und der war so wunderbar und hat auch so wunderbar gesungen und der hat mich gefragt: „Arbeiten Sie mit mir mal?“ – Da konnte ich einfach nicht „Nein“ sagen und ich hab jetzt richtig Lust bekommen und ich werde das jetzt machen.

 

BE: Das macht man eigentlich so am Altenteil und da muss man noch relativ lange warten, bis man sich bewerben kann. Oder wie wird es sein als Lehrer? Streng? Unterhaltsam?

 

JK: Ich kann es überhaupt nicht sagen. Ich muss das erst mal probieren!

 

BE: Dann wünschen wir Ihnen, den Schülern, viel Glück!

Danke, dass Sie gekommen sind!

 
 
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