Sechs Spanische Lieder, op. 100 (1956)
Dmitri Schostakowitsch
Lebe wohl, Granada
(S. B. Bolotin)
Lebe wohl, Granada, mein
Granada,
Ich muss mich für immer von dir
trennen!
Lebe wohl, geliebtes Land,
Augenweide,
Für immer, lebe wohl! Ach!
Die Erinnerung an dich
Wird meine einzige Freude sein,
Mein geliebtes Heimatland!
Für immer hat das Leid mein
Herz durchbohrt,
Ist alles verloren, was mir im
Leben lieb gewesen,
Meine Liebe schwand dahin, ins
Dunkel des Grabes,
Und das Leben schwand dahin!
Und um mich herum ist mir alles
zuwider;
Leben, wie früher, kann ich
nicht mehr,
Dort, wo die Jugendzeit so
lichtvoll war!
Kleine Sterne
(T. S. Sikorskaja)
Unter den alten Zypressen
Glänzt silbrig das weite,
flache Wasser der Ufer:
Mit der Gitarre gehe ich zu
meiner Liebsten,
Um sie Lieder zu lehren.
Doch ohne Lohn zu lehren habe
ich keine Lust:
Für jede Note nehme ich von ihr
einen Kuss.
Seltsam, dass sie bis zum
Morgen alles kennenlernt,
Alles, bis auf die Noten!
Schade, dass es zu spät ist
noch einmal zu beginnen!
Schade, dass der Himmel schon
hell ist!
Schade, dass nicht auch am Tage
die Sterne
Über der Bucht furchtsam
zittern...
Bei Sternenlicht ist der Himmel
noch unendlicher;
Die glühendheiße Mitternacht
ist von ihnen erfüllt.
Meiner Liebsten nenne ich
Die Namen all der unzähligen
Sterne.
Ich schätze mein Wissen hoch
Und nehme für jeden Namen von
ihr einen Kuss.
Seltsam, dass der Unterricht
ihr leicht zu fallen scheint -
Alles, bis auf die Sterne!
Die erste Begegnung
(S. B. Bolotin)
An einem Bach gabst du mir
einst frisches Wasser,
Kalt wie der Schnee in den
Schluchten der blauen Berge.
Dunkler als die Nacht ist ein
Blick,
In den geflochtenen Haaren der
Duft
Der Blütenblätter der wilden
Minze...
Siehst Du, schon wieder dreht
sich der Reigen,
das Tamburin schallt, klingt
und singt.
Jeder Tänzer führt sein
Mädchen,
Mit Vergnügen schaut das Volk
ihnen zu.
Schlag, mein Tamburin, schlag,
schalle wie der Donner!
Ich tanze zusammen mit meiner
Liebsten.
Dein Band ist blauer als der
Himmel!
Schlag, mein Tamburin, schlag!
Tamburin, schlag!
Diese erste Begegnung werde ich
niemals vergessen können,
Die zärtlichen Worte, die
dunklen Hände
Und den Glanz der schwarzen
Augen...
In dieser Stunde habe ich
verstanden, dass ich dich liebe
Und ewig lieben werde!
Ronda
(T. S. Sikorskaja)
Der Reigen rauscht vor unseren
Türen,
Das fröhliche Treiben hat
begonnen.
Komm schnell her und tanz mit
mir,
Kleine rote Nelkenblüte!
In der Stille der Mondnacht
Ist das Plätschern des Baches
zu hören...
Gib mir deine Hand, mein
Mädchen,
Klein rote Nelkenblüte!
Die Straße ist wie ein
leuchtender Garten.
Späße klingen, Augen glänzen.
Ronda dreht sich und singt,
Das Himmelszelt schimmert im
Sternensilber.
Fröhliche Paare jagen dahin...
Das ist das frohe Fest der
ersten Blüten,
Das ist das Fest unserer Liebe!
Im Mondschein vor dem Fenster
spielen
Die Schatten der Mandelbäume...
Wann kommst Du zu mir heraus,
Meine zarte Frühlingsblume?
Pflücke den Zweig eines
Mandelbaums,
Gib ihn mir zum Zeichen deiner
Liebe,
Meine zarte kleine
Frühlingsblume!
Schwarzäugige
(T. S. Sikorskaja)
Die Mutter hat dir Sternenaugen
geschenkt,
Die zarte Farbe deiner dunklen
Wangen,
Meine Liebste!
Mit wehem Herzen streiche in
der Nacht
Ohne dich umher, ich bin
einsam,
Meine Liebste!
Ach, wofür bin ich vom
Schicksal gestraft?
Ach, warum sind wir nur
einander begegnet?
Ich sterbe vor närrischer
Liebe,
Wenn du mich nicht liebst,
Meine Liebste!
Deine Mutter hat dir eine hohen
Wuchs geschenkt,
Den schwarzen Glanz deiner
wilden Locken,
Meine Liebste!
Ich verfluche das grausame
Schicksal,
Den Schmerz und die Qualen
meiner Seele,
Meine Liebste!
O wie konnte deine Mutter dir
nur
Mir zum Pein solch eine
Schönheit schenken?
Ich sterbe vor närrischer
Liebe,
Wenn du mich nicht liebst,
Meine Liebste!
Der Traum
(S. B. Bolotin / T. S.
Sikorskaja)
Ich weiß nicht, was es
bedeutet...
Mir träumte ein wundersamer
Traum,
Dass ich in einem Fischerboot
Über eine stürmische Woge
schwimme.
Das Boot ist ohne Ruder,
Ich habe sie verloren...
Die Wellen schäumen, zürnen,
Wollen mein Boot versenken,
Aber kühn jage ich
Durch die finsteren gewaltigen
Wellen,
Weil in diesem Fischerboot
Über die wilde Tiefe der See,
Du, meine Stolze, dahinjagst,
Dahinjagst, zusammen mit mir,
Als wenn auch du mich liebst!
O meine Liebe!
Sieh doch, wie der arme Bursche
In seinem kleinen
zerbrechlichen Boot
Über das Meer davonjagt,